Tankstelle

Hier zapft der Chef persönlich


Zu Besuch bei der ältesten Tankstelle Deutschlands

Essen. Wer zu Manfred Caspar-Milz fährt, entdeckt in einem Hinterhof ein echtes Kleinod: Drei eng aneinander stehende Zapfsäulen unter einem in die Jahre gekommenen Vordach. Deutschlands älteste Tankstelle, gegründet 1924. „Wir sind die Tankstelle mit Herz“, sagt Besitzer Caspar-Milz – greift zum Zapfhahn, kontrolliert den Ölstand und gibt Tipps zur Reifenpflege.

Der Sprit kommt von der großen Konkurrenz

Ein Besuch bei Casper-Milz’ Hinterhof-Station ist wie eine Reise in die Anfänge der 70er. Damals gab es 46.000 Stationen und 15 Millionen Autos – ungefähr 220 pro Tanke. Es ging gemütlich zu!

Und heute? 15.000 Tankstationen bunkern Sprit-Nachschub für 80 Millionen durstige Motoren.

Rein rechnerisch bedienen moderne Tankstellen mit ihren sechs bis zehn Zapfsäulen 16-mal mehr Autos als vor 40 Jahren. Bei Casper-Milz würde es da ziemlich eng werden. Betrieben werden die meisten Stationen von den Mineralölkonzernen. „Sie sind die großen Spieler, decken zu mehr als 60 Prozent den Markt ab“, weiß Jürgen Ziegler vom Zentralverband des Tankstellengewerbes. Die restlichen 40 Prozent verteilen sich auf regionale Anbieter, Handelsunternehmen oder auf die Stationen freier Tankstellen. Aus Casper-Milz’ Zapfsäule fließt beispielsweise Aral-Sprit.

Kassieren auf fünf Quadratmetern

Doch mit dem Spritverkauf allein käme eine Tankstelle nicht über die Runden. Die Pächter erhalten dafür je nach Konzern 0,5 bis 1,5 Cent Provision pro Liter Sprit.

Deshalb forciert die Branche das Shopgeschäft. Der Weg zur Kasse führt durch regelrechte Supermärkte: einmal Tanken inklusive Spontan-Einkauf. Über 100 Quadratmeter groß, ausgestattet mit raumfüllenden Einkaufsregalen inklusive DVD-Verleih und Backshop. Alles unabhängig von den Ladenschlusszeiten.

Mehr als 850.000 Euro Jahresumsatz macht ein durchschnittlicher Tankstellenbetrieb mit dem Shop. Das sind 80 Prozent der gesamten Einnahmen. Davon kann Casper-Milz nur träumen. Er kassiert auf fünf Quadratmetern, im Rücken das Kippenregal. Immerhin: Die ausgediente Werkstatt beherbergt ein kleines Getränkecenter. „Das ist mein Shop-Umsatz“, scherzt er.

Seiner Branche steht die nächste große Herausforderung bevor: Hybrid- und Elektroautos. Ab 2015 werde der Absatz von Diesel und Benzin abnehmen, so der Mineralölwirtschaftsverband.

Tankwart Casper-Milz kann dennoch gelassen bleiben. Die Unternehmensberatung McKinsey fand heraus: Selbst 2030 dürften nur 13 Prozent der weltweit verkauften Pkws echte E-Mobile sein. Und Caspar-Milz hat noch einen Trumpf – seine Kunden. „Wir bleiben ihm treu“, sagt ein Autofahrer, winkt und gibt Gas.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang