Teures Öl

Hier zahlt nicht nur der Verbraucher


Die Energie- und Rohstoffpreise machen der Chemie-Industrie zu schaffen

Frankfurt. Heute schon getankt? Die Zahlen an der Zapfsäule treiben Autofahrern die Tränen in die Augen. Das liegt an den saftigen Steuern und den immer höheren Kosten für Rohöl: 2011 war das teuerste Öljahr in der Geschichte – und es geht weiter. Daran knabbert auch die Chemie-Industrie, erwartet sie für das laufende Jahr ohnehin nur ein Nullwachstum.

Peter Hausmann, Tarif-Chef der Industriegewerkschaft IG BCE, sieht das anders: „Die wirtschaftliche Lage und die Perspektive in der chemischen Industrie sind gut, viele Betriebe strotzen vor Kraft.“ Er fordert 6 Prozent mehr Lohn. Vor den entscheidenden Verhandlungsrunden im Mai stellt sich die Frage: Ist das drin?

Die Ausgangsbasis für viele Erzeugnisse

Von der Einschätzung der Konjunktur und der Branchenlage hängt ab, wie viel Spielraum es für den Abschluss gibt. Die Arbeitgeber sehen die Situation kritisch und fordern deshalb „Realismus“.

Unstrittig ist: Öl wird teurer. Kostete das Barrel (159 Liter) Rohöl 2009 noch im Durchschnitt aller Ölsorten 62 Dollar, waren es 2010 bereits 80 und letztes Jahr 107 Dollar. Das schwarze Gold verteuert eben nicht nur die Spritpreise. Sondern auch das Ausgangsmaterial für weite Teile der Chemie-Produktion.

Ohne Erdöl würden Basischemikalien für Kunst- und Klebstoffe fehlen, Düngemittel, Farben, Lacke, Schmierstoffe, aber auch Kosmetika, Wasch- und Arzneimittel.

Den Grund für den jüngsten Preisanstieg sehen Experten vorrangig im Streit zwischen dem Westen und dem Iran über dessen Atomprogramm. Sinken die Preise an manchen Tagen minimal wie Mitte April, schöpfen alle Hoffnung: Billigeres Öl wäre gut für die Konjunktur und besonders die Chemie-Industrie. Doch die Zeichen dafür stehen schlecht.

Nach der Prognose der drei Öl-Exporteure Saudi-Arabien, Russland und Mexiko klettern die Preise in diesem Jahr um weitere 15 Prozent. Tief in die Tasche greifen müssen die Unternehmen zudem für weitere Ausgangsmaterialien, etwa Seltene Erden, wichtig für Handys und Elektromotoren. Das trifft die Industrie hart. Deutschland hat keine Bodenschätze und ist auf den Einkauf angewiesen.

Ein wichtiger Indikator für die Entwicklungen auf den internationalen Rohstoffmärkten ist der Index des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Er stieg im März erneut und liegt nun 38,8 Prozent höher als im Basisjahr 2010.

Mehrkosten durch Energiewende

Zudem sorgt sich die deutsche Chemie-Industrie seit der Energiewende um ihre Wettbewerbsfähigkeit: „Eine Erhöhung des Strompreises um 1 Cent pro Kilowattstunde kostet die chemische Indus­trie über 500 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr“, rechnet der Präsident des Branchenverbands VCI, Evonik-Chef Klaus Engel, vor.

Hier müsse sich was tun, warnt Marijn Dekkers, der Vorstandsvorsitzende des Chemie- und Pharma-Konzerns Bayer in Leverkusen: „Ansonsten kann sich ein globales Unternehmen wie Bayer überlegen, seine Produktion in Länder mit niedrigeren Energiekosten zu verlagern.“

Schon jetzt sind die Energiepreise in Deutschland mit die höchsten in der EU. Und die Bundesnetzagentur rechnet mit weiteren Preissteigerungen: Grund sei der milliardenschwere Ausbau der Stromnetze.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang