Volle Kraft voraus

Hier schippert unser Export

Wirtschaftsboom hautnah: Wie der Überseehafen Bremerhaven den Aufschwung erlebt

Was für ein Pott! Vollgepackt mit Containern, und so hoch wie ein Wohnhaus. Was da drin ist? Klare Sache: All das, was Sie, liebe Leser, täglich produzieren. Denn das kommt zumeist auf dem Seeweg zu den Kunden in fernen Erdteilen. Für die Häfen bedeutet das: Sonderschichten und Arbeit bis zum Umfallen.

Es ist mal wieder spät geworden im Krons-Eck, und Wirtin Inge spült müde die letzten Gläser. Aus den Boxen der kleinen Hafenkneipe in Bremerhaven schnulzt Elvis, es riecht nach kaltem Rauch, ein paar Zecher preisen lallend die Vorzüge der Komoren als Kreuzfahrtziel. „Letztes Bier jetzt, Jungs!“, befiehlt Inge.

Über der Tür hängt ein staubiger Glasrahmen mit Seemannsknoten, „Stopperstek“ oder „Halber Schlag“ heißen die. Ganz hübsch sieht das aus, und doch wirken die Knoten wie ein sentimentaler Anachronismus. Denn für den Boom, den der nur ein paar Schiffslängen entfernte Überseehafen der Stadt derzeit erfährt, passt nur ein Begriff: entfesselt!

Der Grund dürfte klar sein: Deutschlands Export-Motor rennt auf Hochtouren. Im vergangenen Jahr gingen Waren im Wert von 894 Milliarden Euro außer Landes, fast 14 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Land profitiert massiv vom immer weiter anwachsenden Warenstrom der globalisierten Weltwirtschaft – und deren entscheidende Schnittstelle sind die Seehäfen. 95 Prozent aller deutschen Exporte in Länder außerhalb Europas schippern über die Weltmeere zum Kunden.

„Ohne unsere Häfen wären wir zweifellos nicht Exportweltmeister“, sagt folgerichtig Detthold Aden, Chef des Logistikkonzerns BLG Logistics Group, einem der großen Spieler an den Beton-Kaien von Bremerhaven.

Für derlei Erkenntnisse braucht Erwin Paulsen (55) keine Statistiken, dem alten Hafen-Hasen genügt ein Blick auf seinen Arbeitsalltag.

„Ruhige Tage gibt es hier nicht mehr“

Paulsen, Typ sympathischer Seebär mit Fünftagebart, steht auf dem Dach eines Ziegelbaus auf dem Pier des Containerterminals und beäugt den Frachter „Genua“. Gerade erst hat der Pott aus Hongkong festgemacht, Matrosen lehnen rauchend an der Reeling, in luftiger Höhe wuchtet eine der gigantischen Ladungsbrücken schon die ersten Container aufs Schiff. „Die letzten Monate waren verdammt hart“, brummt Paulsen. „Ruhige Tage gibt’s hier nicht mehr, der Hafen ist ausgebucht.“

Seit 1972 malocht Paulsen im Hafen, als einfacher Arbeiter hat er angefangen damals. „Schiffe beladen, mit Zementsäcken, mit allem, was auf die Schulter ging.“ Gerade 800 Container wurden da in Bremerhaven im Jahr umgeschlagen. 2006 waren es 4,4 Millionen, wieder 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor!

Säcke schleppt hier keiner mehr: Paulsen und Kollegen fahren heute „Van-Carrier“, 15 Meter hohe Hubwagen, schwer wie 40 VW Golf. Wie Spielzeug hieven sie vollbeladene Container vom Boden und flitzen mit ihnen über das Gelände.

„So ein Carrier steht nie still, muss ein Fahrer Pause machen, steht die Ablöse schon unten“, sagt Paulsen. Rund um die Uhr gehe das so.

Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Bis 2014 dürfte sich der weltweite Containerverkehr nochmals verdoppeln. Und schon 2006 wurden 400 Millionen Stahlboxen um den Globus bewegt. „Hafenkapazitäten“, weiß Detthold Aden, „sind ein knappes Gut.“

Um für die Zukunft gewappnet zu sein, bauen die Bremerhavener deshalb ihre Terminals aus: Anfang 2008 werden allein im Containerbereich insgesamt drei Millionen Quadratmeter Fläche und fast 5 Kilometer Kaie zur Verfügung stehen.

Auch die Fahrrinne soll ausgebaggert werden, damit die wohl über 400 Meter langen Dickschiffe der Zukunft nicht vorbeischippern.

Während für Hafenarbeiter Paulsen und seine Kollegen die Container zumeist eine „Black Box“ bleiben, sie nie so genau wissen, welche Ladung sie da eigentlich verfrachten, weiß Vertriebsmanager Siegmar Brauer genau, womit er es zu tun hat: Autos, Autos und noch mehr Autos. Brauer (54), lehnt am Kotflügel seines Kleinbusses am Kai des Autoterminals und schaut bajuwarischen Flitzern zu, die gerade im Bauch des Auto-Frachters „Patriot“ verschwinden. Es sind Hunderte, sorgfältig für die Reise nach New York gewachst, einer nach dem anderen, wie Perlen auf der Schnur.

Ständig werden neue Leute eingestellt

„Wir fahren Sonder- und Wochenendschichten, um die Arbeit hier zu schaffen“, sagt Brauer. Sein Job ist dabei besonders knifflig: Brauer verhandelt für die BLG mit den Herstellern über die Preise der Dienstleistungen im Hafen.

Gut 2.000 Autos kommen täglich mit der Bahn am Hafen an, dazu bis zu 200 Lkw-Ladungen mit Gütern vom Auto bis zum Mobilkran. 2006 gingen 1,1 Millionen Autos von Bremerhaven in alle Welt, der Hafen zählt zu den weltweit größten Autodrehscheiben. „Und wir suchen ständig neue Leute“, sagt Brauer. Insgesamt zählen Container- und Autoterminals rund 3.000 Mitarbeiter.

Zurück im Krons-Eck, der Hafenkneipe. Wirtin Inge ist schon wieder da, fünf Stunden Schlaf reichen. Am Abend wird der Laden wieder voll sein. „Seeleute kommen aber kaum noch, die haben keine Zeit, müssen Knoten machen mit ihren Schiffen“, sagt Inge. Die Knoten über der Kneipentür hat sie nicht gemeint.


Ein Rekord jagt den nächsten

Made in Germany ist der Renner: Nie zuvor hat Deutschland so viele Waren ins Ausland verkauft wie letztes Jahr. Und auch der Außenhandelsüberschuss, die Differenz zwischen Im- und Export, war nie größer: 165 Milliarden Euro. Auf Platz zwei beim Weltexport lagen die USA vor China.

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Schlagwörter: Konjunktur

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