Stromnetz

Her mit der Energie!


Gut ein Jahr nach der Kehrtwende in der Energiepolitik wächst die Sorge vor dem Blackout. Der dringend erforderliche Ausbau der Stromnetze stockt. AKTIV Extra schildert die Lage – auch aus der Perspektive von zwei beispielhaften Unternehmen aus Bayern.

München. Die Zeit drängt, sonst droht Bayern der Blackout. Denn der bis 2022 beschlossene Atomausstieg trifft den Freistaat besonders: Hier ist der Kernenergie-Anteil mit 53 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland mit 23 Prozent.

Schon heute bangen bayerische Metall- und Elektro-Unternehmen um ihre Versorgungssicherheit. Und nicht erst, wenn die verbliebenen bayerischen Atomkraftwerke Grafenrheinfeld 2015, Gundremmingen 2017 und 2021 sowie Isar 2 im Jahr 2022 stillgelegt werden.

Denn der Netzausbau – nötig um künftig anderen Strom nach Bayern zu transportieren – stockt. Dabei sind 24 Ausbauvorhaben in Deutschland seit 2009 bekannt. Von 1 834 Kilometern Leitungen sind allerdings erst 214 Kilometer realisiert.

„Wenn wir hier nicht endlich die Bremsen lösen, droht dem Wirtschaftsstandort Bayern ernsthafter Schaden“, warnt Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil.

Investitionen von 20 Milliarden Euro

Impulse soll der Ende Mai vorgestellte nationale „Netzentwicklungsplan Strom“ bringen. Er ist das Drehbuch für den Ausbau der Leitungen, analog dem Bundesverkehrswegeplan für die Straßen. Bis Mitte Juli können sich die Bürger dazu äußern. Experten schätzen die nötigen Investitionen auf 20 Milliarden Euro. Gesetze sollen im Herbst folgen.

Somit wird zunehmend klar, wo Freileitungen und Erdkabel verlaufen werden. Für Bayern besonders wichtig sind Höchstspannungsleitungen von Schleswig-Holstein nach Grafenrheinfeld sowie aus Sachsen-Anhalt bis ins schwäbische Meitingen.

Die Aachener Beratungsfirma BET kalkuliert für 700 Kilometer Trasse nach Bayern 2,5 bis 4,3 Milliarden Euro. Und empfiehlt ab 2025 sogar eine dritte Strecke.

Mehr Windkraft verschärft Engpässe

Nötig macht den Umbau der Stromverteilung das Abschalten von 8 der 17 Atommeiler im vergangenen Jahr und der stetige Ausbau erneuerbarer Energien. Denn es besteht eine Schieflage: Die meisten Windräder drehen sich in Deutschlands Norden und Nordosten, am meisten Energie wird aber im Westen und Süden verbraucht.

Die „Autobahnen“ dazwischen, das Transportnetz aus Höchstspannungsleitungen, wird zum Engpass. Und der wird umso dramatischer, je weiter die Energiewende voranschreitet.

In Bayern herrscht besonderer Modernisierungsstau auf den „Bundes- und Landstraßen“, dem Verteilnetz mit niedrigeren Spannungen. Dieses ist vor allem für eine dezentrale Energieversorgung mit erneuer­baren Energien wichtig. Und die sollen laut Regierungsplan schon im Jahr 2022 für 50 Prozent des bayerischen Stroms sorgen.

Bislang stockte der Netzausbau, weil Investoren die Risiken scheuten. Genehmigungen etwa können zehn Jahre dauern. Zeit, die Bürger und Unternehmen in Bayern nicht haben.

33 Gigawattstunden: Die Gusseisen-Produktion bei Düker hat den Stromverbrauch einer Kleinstadt. Foto: Werk

Beispiel Düker: Kosten als „heißes Eisen“

Gießerei an der Belastungsgrenze

Laufach. „Noch mehr Kosten für Energie bedrohen die energie-
intensive Industrie in Deutschland – und damit auch uns“, sagt Torsten Stein, Geschäftsführer des Traditionsunternehmens Düker.

710 Mitarbeiter fertigen dort Armaturen, Formstücke und Abfluss-Systeme aus Gusseisen. Im Werk Laufach wird es in elektronisch gesteuerten Induktionsöfen geschmolzen, bei 1 400 Grad Celsius und mehr. Sie verbrauchen 33 Gigawattstunden Strom im Jahr – so viel wie eine Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern. Düker musste 2011 von 113 Millionen Euro Umsatz etwa 6 Millionen Euro für Energie abziehen.

750 000 Euro davon waren zudem ungeplant. Denn die Umlage, mit der erneuerbare Energien gefördert werden, stieg von 2010 auf 2011 stark: von 2,05 auf 3,53 Cent pro Kilowattstunde. Mittlerweile liegt sie schon bei 3,59 Cent.

Für Mittelständler ist das ein wachsendes Problem. Stein klagt: „Als Großverbraucher sind wir bereits an der Belastungsgrenze.“

Roboter-Fertigung: Ein un­geplanter Stopp würde Kuka Millionen Euro kosten. Foto: Werk

Beispiel Kuka: Zur Not „Selbstversorger“

Roboter-Hersteller kaufte Notstromaggregat

Augsburg. Kein Strom – und sei es nur für Sekunden: Ein Ausfall der Energieversorgung am Kuka-Hauptserver würde Millionen Euro kosten. Der Computer, der alle Maschinen in der Produktion steuert, muss ständig laufen.

„Doch das Risiko für Unterbrechungen nimmt wegen der unsicheren Stromverteilung zu“, sagt Manfred Gundel, Chef von Kuka Roboter in Augsburg. Er hat deshalb kürzlich ein Notstromaggregat für 750 000 Euro angeschafft. Das sichert den Roboter-Hersteller gegen Blackouts ab.

Gundels Geschäftsbereich im Kuka-Konzern verzeichnete letztes Jahr Strom- und Gas-Kosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro – relativ zu 615 Millionen Euro Umsatz eher wenig. Dennoch ist Sparen oberstes Gebot. Bereits seit 2009 werden die Roboter vor Auslieferung nur noch eine statt zehn Stunden im Dauerlauf getestet – „bei gleicher Sicherheit und höchster Qualität“, wie Gundel betont. „Wir hatten durch verbesserte Prozesse sehr viel optimiert.“

Innovative Steuerung

Zudem schaltet eine gemeinsam mit Siemens entwickelte Steuerung an Wochenenden zum Beispiel Lüfter in den Robotersystemen aus. Dieses „Profi Energy System“ bietet Kuka seit 2010 unter anderem Automobil-Herstellern an. Gundel: „In der Fertigungslinie eines 3er BMW mit etwa 1 000 Robotern holt diese Steuerung einiges an Potenzial zum Stromsparen raus.“

Info: Bayerns Netzplan

Die bayerische Staatsregierung schätzt die nötigen Anpassungen bis 2020 gemäß ihrem Energiekonzept (Mai 2011) auf:

  • 53 000 Kilometer im Niederspannungsnetz für rund 2,4 Milliarden Euro,
  • 14 500 Kilometer im Mittelspannungsnetz für 943 Millionen Euro,
  • 130 Kilometer neue und 240 Kilometer bestehende Höchstspannungsleitungen, die auszubauen sind, für 148 Millionen Euro,
  • Schaltanlagen, Transformatoren sind darin noch nicht enthalten.

 

 

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Schlagwörter: Energie Klima

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