Wachstumsbranche

Heißes Rennen um den Müll


Städtische Betriebe gegen private Entsorger: Es geht um Milliarden

Berlin. Von solchen Aussichten können andere Branchen nur träumen: Verdoppelung des Umsatzes auf 20 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren! Eigentlich hat die Recycling-Wirtschaft allen Grund zum Jubeln.

Darüber, dass für 65 Prozent der Deutschen das Müllsortieren an erster Stelle steht, wenn es um die Umwelt geht. Und darüber, dass jeder Einzelne wohl noch einmal sieben Kilo zusätzliche Wertstoffe im Jahr an die Straße stellen wird, wenn 2015 das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz kommt. Doch diese tollen Perspektiven werden jetzt zum Problem.

Schielen auf die Müllöfen

Denn um den wertvollen Müll ist ein heißes Rennen entbrannt. Die Kommunen mit ihren chronisch klammen Kassen wollen den privaten Entsorgern die Beute abjagen.

Die Ausgangslage: Umweltminister Norbert Röttgen plant, dass auch Holz, Textilien und Kunststoff ohne Grünen Punkt – etwa altes Spielzeug – eingesammelt werden. Möglicherweise auch Elektroschrott.

Also rein damit in die gelbe Tonne. So wollen es die privaten Entsorger, die in den vergangenen 20 Jahren das Duale System aufgebaut haben und 90 Prozent der Recycling-An­lagen betreiben.

„Schließlich wurden diese Strukturen von Unternehmen errichtet“, so Peter Kurth, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft.

Die städtische Konkurrenz dagegen sieht einen solchen Abschied von der Wegwerfgesellschaft mit Sorge. Denn bisher landen diese Stoffe ja in der grauen Restmüll-Tonne. Und die füttert die – meist kommunalen – Müllöfen.

Um sich wenigstens den Zugriff zu sichern, fordern die Städte und Gemeinden inzwischen eine weitere Wertstofftonne. „Nur die Kommunen sorgen für eine flächendeckende Entsorgung unabhängig von Marktpreisschwankungen“, sagt Rüdiger Siechau, Chef des Verbandes kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung.

Umweltministerium ist alarmiert

Während Siechau noch ar­gumentiert, schaffen seine Kollegen von der Berliner Stadtreinigung in dieser Richtung schon mal Fakten. Sie stellen in Großsiedlungen der Hauptstadt ihre „Orange Box“ auf. Ihre gebührenpflichtigen, 1.100 Liter fassenden  Container schlucken die zusätzlichen Wertstoffe.

Rohstoffe für die Industrie

Die sammelt auch schon der private Wettbewerber Alba, mit seiner „Gelben Tonne Plus“, ein Feldversuch bei  400.000 Haushalten. Doch die städtischen Müllmänner wollen das vom Berliner Verwaltungsgericht stoppen lassen.

Nur bis zur endgültigen Entscheidung dürfen die Systeme nebeneinander laufen.

Auch in Dutzenden anderen Städten versammeln sich die kommunalen Wertstoffsammler schon hinter der Startlinie. Im Bundesumweltministerium ist man über diese Entwicklung alles andere als erfreut. „Wir möchten keine zwei getrennten Wertstoffsysteme“ heißt es dort. Ein solches Kuddelmuddel führe erfahrungs­gemäß dazu, dass insgesamt weniger recycelt werde.

Dabei soll es immer mehr werden. Unsere Industrie bezieht mittlerweile 13 Prozent ihres Rohstoffbedarfs aus der Kreislaufwirtschaft, bilanzierte kürzlich das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Und die Stahl-Industrie schon 45 Prozent. Fazit der Studie: Die private Entsorgungs- und Rohstoffwirtschaft ist eine „Schlüsselbranche“.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang