Gesundheit

Heilen mit Stammzellen


Eine neue Medizin bahnt sich an: Ärzte wollen heilen statt reparieren. AKTIV fragte, was da kommt

Herzinfarkt-Patienten durch Stammzellen gerettet“, „Wissenschaftler machen Zuckerkranken Hoffnung“, „Bundestag debattiert über Stammzellengesetz“ sowie – ganz aktuell – „Deutsche Forscher beamen Zellen in den Embryo-Zustand zurück“.

Stammzellen machen Schlagzeilen. Mit ihnen kündigt sich eine neue Medizin an, die Unheilbares eines Tages zu heilen verspricht. Kliniken, Forschungs-Institute und kleine Firmen treiben sie voran. Die großen Pharma-Hersteller beobachten die Entwicklung mit Interesse. Und Otto Normalverbraucher macht sich Sorgen: Darf man an Stammzellen aus einem Embryo forschen? 56 Prozent der Deutschen lehnen das ab. Sie monieren: Man darf Embryos nicht als Ersatzteil-Lager missbrauchen.

Embryo-Zellen nur für Forschung nötig

Keine Bange, beschwichtigt Professor Anthony Ho von der Uni-Klinik Heidelberg im Gespräch mit AKTIV: „Neues Leben für alte Menschen – das will ja gar kein Mediziner. Schon allein, weil embryonale Stammzellen Krebs hervorrufen können. Nein, es geht schlicht um Forschung“, fährt er fort.

Behandeln werden wir auch in Zukunft mit Stammzellen, wie jeder von uns sie im Körper hat, den adulten Stammzellen.“ Ho muss es wissen, er hat schon Hunderten Kranken mit diesen Stammzellen geholfen.

„Von den embryonalen Stammzellen können wir aber lernen, wie wir das besser, gezielter und vielseitiger machen können“, erklärt Ho. „Deshalb brauchen wir sie.“

Fakt ist: Stammzellen hat jeder. Sie sorgen dafür, dass sich Knochen, Blut, Muskeln und Haut ständig erneuern. Mit ihnen bewirken Mediziner schon jetzt kleine Wunder. Sie können Leukämie-Kranken helfen, Lymphdrüsen-Krebs heilen, Blasenschwäche und Wunden der Haut erfolgreich behandeln, zählt Professor Konrad Kohler von der Uni Tübingen auf. „Und vielleicht können wir mit Stammzellen in Zukunft sogar Zucker- und Parkinson-Kranke tiefgreifend behandeln.“

Diese Chance einer neuen Medizin treibt die Forscher an. Professor Gustav Steinhoff von der Uni Rostock: „Was mit Stammzellen möglich sein wird, geht weit über das hinaus, was bisher medizinisch denkbar war. Wir nutzen die Regenerations-Fähigkeit des Körpers, sorgen für eine echte Heilung und kommen weg von künstlichen Ersatzteilen.“ Schon jetzt funktioniert das: Regeneration statt Reparatur.

Bereits jetzt oft im Einsatz

Beispiel Leukämie und Lymphdrüsen-Krebs: Hier ist die Behandlung mit adulten Stammzellen bereits gang und gäbe. Professor Ho: „Wir gewinnen die Zellen aus dem Blut von Spendern oder dem der Kranken.“ 50 bis 55 Prozent der Leukämie-Patienten und 60 bis 70 Prozent der an Lymphdrüsen-Krebs Erkrankten werden so geheilt. Bundesweit profitieren etwa 7.000 Menschen pro Jahr davon.

Beispiel Herzinfarkt: Stammzellen lassen geschädigte Herzen besser heilen. „Sie sorgen dafür, dass sich nach einem Infarkt abgestorbenes Herzgewebe zumindest teilweise wieder erholt“, weiß Professor Steinhoff. „Das verbessert die Leistung des Herzens deutlich. Der Kranke spürt das.“ Eine klinische Studie mit 150 Patienten soll das nun belegen.

Leider sind die Möglichkeiten der adulten Stammzellen jedoch begrenzt. Denn sie lassen sich bisher nur für etwa zwei Dutzend Gewebe einsetzen. Es gibt aber 250 Zellarten im Körper. Gelänge es, die adulten Stammzellen künstlich in den „Baby-Zustand“ zurückzuverwandeln, dann wäre sehr viel mehr möglich! Wie diese Rückverwandlung geht, auch das schauen sich die Forscher bei den Embryo-Stammzellen ab.

Zwei deutsche Teams landeten dabei jetzt dicke Erfolge: Ihnen gelang es unabhängig voneinander, Stammzellen aus Hodengewebe ohne Gen-Eingriff in den „Embryo-Zustand“ zurückzuversetzen.

Noch ist der Weg weit. Doch die neue Medizin kommt. Wir werden sie erleben.

Weitere Infos bekommen Sie bei der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin in Frankfurt am Main unter: www.gesellschaft-regenerative-medizin.de

Umstrittene Forschung

So gewinnen Forscher embryonale Stammzellen: Mit einem ultrafeinen Glasröhrchen dringen sie in einen wenige Tage alten Embryo und entnehmen der Zellkugel ein oder zwei Zellen. Die vermehren sie in Petrischalen mit Nährlösung. So können sie aus einem einzigen Embryo fast unbegrenzt Stammzellen gewinnen. Nur die verwenden sie für ihre Forschung.

Weil der Embryo dabei abstirbt, sind diese Stammzellen umstritten. Die katholische Kirche lehnt Versuche damit ab. Bischof Wolfgang Huber von der evangelischen Kirche hält sie dagegen eine begrenzte Zeit für vertretbar. Das Stammzellengesetz erlaubt sie unter bestimmten Bedingungen.

Zur Behandlung von  Krankheiten setzen die Ärzte jedoch nur Stammzellen aus unserem eigenen Körper ein, aus Knochenmark, Blut oder Nabelschnurblut. Da gibt es keine ethischen Bedenken.

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