Interview mit Karsten Tacke vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall

Hat der Flächentarifvertrag noch eine Zukunft?


Experte für Tarif-Fragen: Karsten Tacke. Foto: VERBAND

Berlin. Wenn ein Industriezweig ein so breites Spek­trum an teils gegenläufigen Konjunktur-Entwicklungen abdeckt wie Metall und Elektro – ist dann ein einheitliches Tarifwerk noch sinnvoll? AKTIV sprach darüber mit Karsten Tacke, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Hat der gute alte Flächentarifvertrag für alle Metaller noch eine Zukunft?

Ja, ich glaube an den Flächentarif. Er bietet den Unternehmen Planungssicherheit und sichert den Frieden, das ist bei einer so eng miteinander vernetzten Branche ein Riesenvorteil. Wir müssen aber in der Tat innerhalb des Tarifvertrags Flexibilität schaffen.

Welche Differenzierungen sind denn da möglich?

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, im Tarifabschluss verschiedene Bausteine zu haben: eine dauerhafte Entgelterhöhung, dazu Einmalzahlungen – und klar definierte Regeln, wo und wie Betriebsrat und Unternehmen gemeinsam davon abweichen können.

Und wenn ein kriselnder Betrieb selbst damit noch überfordert ist?

Dafür gibt es unser „Pforzheimer Modell“: Zur Sicherung etwa des Standorts kann vom Tarifvertrag abgewichen werden. Voraussetzung dafür ist aber nicht nur ein gemeinsames Konzept von Unternehmensleitung und Mitarbeitern, sondern auch die Zustimmung der Tarifpartner.

Geht es damit also letztlich immer nur um Flexibilität zulasten des Personals?

Nein. Flexible Instrumente sind keine Einbahnstraße. 2011 haben über die Hälfte aller Beschäftigten die vereinbarte Lohnerhöhung zwei Monate früher bekommen.

Wie viele M+E-Firmen sind überhaupt an den Tarif gebunden?

Rund 3.700 Firmen mit etwa 1,8 Millionen Beschäftigten. Allerdings orientieren sich ja auch viele andere M+E-Unternehmen am Tarifvertrag.

Warum verabschieden sich Betriebe aus der Tarifbindung?

Vor allem wegen Insolvenzen oder Fusionen. Dass sich Firmen wegen des Tarifwerks verabschieden, ist seit dem erwähnten Pforzheimer Abkommen selten geworden.

Gibt es aktuell politischen Handlungsbedarf?

Ja. Wir brauchen dringend das versprochene Gesetz zur Tarifeinheit! Wieso sollte ein Unternehmen dem Flächentarif beitreten, wenn es dann doch keinen Betriebsfrieden hat – weil es trotz laufenden Tarifvertrags von Splittergewerkschaften bestreikt werden darf?

Viele M+E-Betriebe stehen gut da – aber längst nicht alle. Mehr dazu lesen Sie hier auf AKTIVonline.

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