Reportage

Hartz IV auf holländisch


Wer im Nachbarland Sozialhilfe beantragt, muss dafür arbeiten

Es gibt Nächte, da träumt er sich zurück ins verlorene Paradies. Zurück in sein altes Leben, in dem der Staat für ihn sorgte, ihm Sozialhilfe zahlte, einfach so. Er kam gut hin, und wenn’s mal nicht reichte, dann nahm sich Baroud Mareun, genannt „Sunshine“, die Gitarre, setzte sich in die Fußgängerzone von Dordrecht, Südholland, und sang.

Heute singt vor allem der Wecker für ihn. Jeden Morgen um 7 steht er auf, einen Kaffee noch, dann greift er nach seiner grellorangen Arbeitskleidung mit Reflektorstreifen. Statt Fußgängerzone heißt es jetzt: Müll aufsammeln im Park, Tomaten pflücken, Straße kehren, 40 Stunden die Woche. „Ich hab schon alles Mögliche gemacht“, sagt der Mann mit den Rasta-Locken.

Baroud Mareun mag sein Paradies verloren haben. Hartz-IV-Kritiker Guido Westerwelle dagegen würde es in Holland wohl finden. Seit ein paar Jahren nämlich gilt dort: Wer Sozialhilfe will, muss dafür arbeiten. „Iedereen werkt mee“, „alle arbeiten mit“, so heißt hier die Devise.

Keine Leistung ohne Gegenleistung – in Deutschland gehen sich derzeit erwiesene wie selbst ernannte Hartz-IV-Experten darüber verbal an die Gurgel. Im Nachbarland ist man dagegen längst einen Schritt weiter. Genauer: sechs Jahre weiter.

Mediziner putzen die Toiletten

Seit 2004 nämlich gilt in Holland „Wet Werk en Bijstand“ (WWB), das Gesetz für Arbeit und Beistand. Die Botschaft steckt schon im Namen: erst die Arbeit, dann die Hilfe. Das System hat Erfolg. Im Jahr 2.000 gab es in Holland laut Statistik noch 348.000 Sozialhilfe-Empfänger unter 65 Jahren. 2009 waren es durchschnittlich nur noch 27.0000. Trotz Krise.

Wie das in der Praxis funktioniert, sieht man im Dordrechter Glasgebäude des „Sociale Dienst“, einer Art Servicezentrum für Arbeitsuchende. „Wer sich hier meldet, bekommt sofort einen Job angeboten, den man am nächsten Tag antreten kann“, sagt Yvonne Bieshaar, die Leiterin des Zentrums.

Kann keine reguläre Stelle gefunden werden, müssen die Arbeitslosen eine Art Motivationsworkshop durchlaufen. „Dort impfen wir den Leuten ein, dass sie nicht wertlos sind, weil sie alleine keine neue Arbeit gefunden haben“, berichtet Bieshaar.

Das ist die eine Seite. Die andere: „Und wir vermitteln dem arbeitslosen Mediziner, warum er jetzt eben auch für eine Weile mal Klos putzen muss.“ Ein offensichtlich heilsamer Schock: Die Hälfte der Workshop-Teilnehmer, so Bieshaar, findet anschließend einen neuen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt.

Wem das noch nicht gelingt, der muss Fortbildungen absolvieren oder für ein paar Monate in subventionierten Jobs arbeiten, die ihm die Kommune vermittelt. „Als Taxifahrer, Wachmann, Tütenpacker im Supermarkt, alles ist möglich“, sagt Bieshaar.

Nur ablehnen dürfen die Betroffenen nicht. „Dann werden die Leistungen gekürzt“, stellt sie klar. „Sofort!“

30 Prozent weniger Anträge

Das klingt nach Druck und Daumenschrauben. Aber ist es das wirklich? Bertus Hazenbosch steht in seinem Büro in der Dordrechter Bisschopstraat und bläst den Rauch einer Filterlosen durchs offene Fenster. Hazenbosch ist Chef einer Firma für „Re-Integration“. Wer von den Fallmanagern des „Sociale Dienst“ zu ihm geschickt wird, hat meilenweiten Abstand zur Normalität des Arbeitsmarkts. Dafür aber umso mehr Probleme: „Alkohol, manchmal Drogen, manche haben vorher noch nie gearbeitet“, sagt Hazenbosch. Auch Baroud Mareun, der Ex-Straßenmusikant, gehört gerade zu seinen 160 Mitarbeitern. Die Aufträge für Hazenboschs Firma: einfachste Malerarbeiten, Fensterputzen, Erntearbeit, Simpel-Jobs eben. 

„Am Anfang sind die Leute sauer, weil sie für ihr Geld jetzt arbeiten müssen“, sagt Hazenbosch. Nach ein paar Wochen aber sei die Mehrheit froh und glücklich. „Die wollen dann plötzlich nicht mehr weg, sie merken, dass die geregelte Tätigkeit ihrem Leben eine Richtung gibt. So etwas wie Sinn.“

Und nicht so selten auch mehr. „15 Prozent meiner Jungs finden nach kurzer Zeit einen normalen Job“, sagt Hazenbosch. Wer das nicht schafft, wird nachgeschult, dann wartet schon eine andere Tätigkeit. „So nähern sich die Leute immer mehr dem ersten Arbeitsmarkt.“

Bei allem niederländischen Pragmatismus – die hitzige Hartz-IV-Debatte in Deutschland kommt auch den Nachbarn noch bekannt vor. „Wenn ich das verfolge, sehe ich Holland vor 2004“, sagt Yvonne Bieshaar. Damals sei auch in Holland gestritten worden, „Arbeitspflicht, oh je, darf man das, ist das nicht Zwangsarbeit – die ganze Arie“. Dann sank die Zahl der Neuanträge auf Sozialhilfe in den ersten beiden WWB-Jahren um 30 Prozent – „seither ist Ruhe, man zankt eben nicht über ein System, das gut funktioniert.“

Kommunen müssen draufzahlen

Der Blick über die Grenze könnte sich für deutsche Politiker noch aus einem ganz anderen Grund lohnen. Denn anders als in Deutschland zahlen holländische Kommunen seit 2004 alle SozialhilfeAusgaben aus eigener Tasche.

„Zwar stellt der Staat dafür jeder Kommune ein Jahr für Jahr neu berechnetes Budget zur Verfügung“, sagt Gerrit Jan Schep, Chef der „Stiftung Stimulansz“ in Utrecht. Das schafft Anreiz für eine vernünftige Betreuung vor Ort. Denn kommt die Kommune damit nicht aus, muss sie draufzahlen. „Bleibt ein Überschuss, können die Kämmerer damit machen, was sie wollen“, so Schep. „Von uns aus auch ein neues Theater bauen.“

Info: Sozialstaat NL

Die soziale Grundsicherung, im Prinzip vergleichbar mit dem deutschen Hartz IV, beträgt in Holland 641 Euro für einen Erwachsenen. Sozialhilfe-Empfänger müssen dafür jeden angebotenen Job annehmen.

Wer jünger als 27 Jahre ist, erhält keine Sozialhilfe. Dafür ist allen Arbeitslosen dieser Altersgruppe per Gesetz ein Arbeitsplatz, eine Ausbildung oder eine Kombination aus beidem garantiert.

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