Mittelstand

Hand in Hand


Die Nachfolge-Frage stellt sich früher oder später in jedem Familienunternehmen

Ergersheim/Mühlhausen. Der eine übernimmt, der andere lässt los – so funktioniert das im Staffellauf. Aber wenn es nicht nur um einen Holz- oder Metallstab geht, sondern um ein Familienunternehmen, dann wird es schwieriger.

In Bayern gehen jährlich rund 7.000 Arbeitsplätze verloren, weil die Übergabe vom Senior- auf den Junior-Chef zu spät oder zu schlecht vorbereitet wurde und am Ende scheitert. Das zeigt eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn.

„Der Wechsel ist ein schwieriger Prozess“, bestätigt Susanne Lang (37), Geschäftsführerin des mittelfränkischen Autozulieferers Mekra Lang in Ergersheim. „Es ist eigentlich wie im Familienleben: Die Senioren müssen loslassen, die Junioren flügge werden.“

„Reibungen sind ganz normal“

Lang kennt das Thema aus Erfahrung. In ihrem eigenen Familienunternehmen hat die Nachfolge geklappt, so wie in vielen anderen bayerischen Metall- und Elektro-Betrieben. Mittlerweile ist hier die dritte Generation am Ruder: Sie führt die Firma gemeinsam mit ihrer Schwester und den beiden Cousins.

„Ohne Reibungen mit meinem Vater ging das nicht, aber das ist normal“, versichert Lang. „Das Ziel ist immer klar: der Fortbestand des Unternehmens.“ In den Jahren 2006 bis 2010  steht laut der IfM-Studie (siehe Kasten rechts oben) in 63.000 bayerischen Betrieben die Nachfolge an. Das heißt für knapp 500.000 Mitarbeiter: Sie müssen sich auf einen neuen Chef einstellen.

Oft ist der kein Unbekannter. Denn der Studie zufolge wird knapp die Hälfte der Unternehmen von Mitgliedern der Eigentümer-Familie weitergeführt. Und so kann es sein, dass langjährige Mitarbeiter mit dem neuen Geschäftsführer gespielt haben, als der in seiner Kindheit im Betrieb Fußball kickte.

Wie Stephan Fischer. „Für mich stand schon damals fest, dass ich das Unternehmen meines Vaters einmal übernehmen werde“, sagt der 46-Jährige. Bereits als Bub besaß er Firmenanteile. Heute ist er Geschäftsführer und Hauptgesellschafter von Fischer Licht & Metall, einem Hersteller von Lichtwerbung in Mühlhausen in der Oberpfalz – und das als Mitglied der vierten  Generation. Das hinderte Fischer aber nicht daran, zunächst im Vertrieb eines Autohauses Karriere zu machen.

 

Sich im Beruf außerhalb des Unternehmens beweisen: Laut Experten gehört das zur vorbildlichen Nachfolge. Ein Weg, den auch Christian Eisen (32) gewählt hat. Mehrere Jahre hatte er als Unternehmensberater gearbeitet, bevor ihn vor drei Jahren sein Großvater bat, ins Familienunternehmen im fränkischen Ort Baiersdorf einzusteigen. Gemeinsam mit seinem Bruder leitet er inzwischen den Betrieb, der Spitzer für Blei- und Kosmetikstifte herstellt. Sein Vater ist erst 58 Jahre alt, möchte sich aber langsam aus dem Unternehmen zurückziehen. „Ich will die Firma weniger hierarchisch führen als mein Vater und mein Opa“, sagt Eisen. „Beispielsweise steht die Tür zu meinem Büro für alle Mitarbeiter immer offen.“

Neues wagen oder Altes bewahren?

Zwischen Erneuerung und Tradition ist die Nachfolge-Generation hin- und hergerissen. „Man darf nicht versuchen, den Vorgänger lediglich nachzumachen“, empfiehlt Susanne Lang, die Geschäftsführerin von Mekra Lang. Doch hin- und hergerissen sind auch die Seniorchefs: zwischen festhalten und loslassen. In den drei Unternehmen Mekra Lang, Fischer und Eisen jedenfalls ist die Vorgänger-Generation noch immer fast täglich im Betrieb.

Deshalb sei Vertrauen besonders wichtig, meint Firmenchef Stephan Fischer: „Wenn der Senior dem Junior zutraut, das Unternehmen auf seine Weise weiterzufüh­ren, dann überträgt sich diese Zuversicht auch auf die Mitar­beiter.“

Miriam Zerbel

„Eine wichtige Entscheidung“

Was beim Wechsel zur nächsten Generation vor allem beachtet werden muss, erläutert Tom Rüsen. Er ist an der Universität Witten/Herdecke geschäftsführender Direktor des Instituts für Familienunternehmen.

AKTIV: Wie gelingt ein erfolgreicher Generationenwechsel?

Rüsen: Der Senior muss sich frühzeitig Gedanken über seine Nachfolge machen. Es dauert rund 10 bis 15 Jahre, die Frage abschließend zu regeln.

AKTIV: Warum so lange?

Rüsen: Es ist eine der wichtigsten Entscheidungen. Das Besondere an Familienunternehmern ist ja, dass sie immer zugleich Mitglied in der Familie und in der Firma sind. Da können Zielkonflikte entstehen, die schier unlösbar sind.

AKTIV: Zum Beispiel?

Rüsen: Meist wünschen sich die Unternehmer die eigenen Kinder als Nachfolger. Der Senior muss sein Lebenswerk loslassen und in andere Hände geben. Zugleich erkennt er möglicherweise, dass seine Kinder dafür nicht geeignet sind.

AKTIV: Was bedeutet ein Wechsel für die Mitarbeiter?

Rüsen: Die Weichen werden neu gestellt. Da müssen die Beschäftigten die Chance bekommen, sich vom alten Firmenleiter zu lösen und sich auf den neuen einzulassen. Und sie sollten in den Prozess des Wechsels einbezogen werden.

AKTIV: Warum ist eine gute Vorbereitung so wichtig?

Rüsen: Der überwiegende Anteil der Insolvenzen von Familienunternehmen geht auf eine schlecht geplante Nachfolge zurück. Das gefährdet Arbeitsplätze.

miz

Info: Mittelstand-Studie

In Bayern gibt es 350.000 Familienunternehmen. Die Frage der Nachfolge stellt sich eines Tages in jedem dieser Betriebe. Im Auftrag des bayerischen Wirtschaftsministeriums hat das Ins­titut für Mittelstandsforschung in Bonn dazu eine Hochrechnung erstellt.

Die Experten befragten 934 Unternehmen im Freistaat zu ihren Plänen für eine Übergabe zwischen 2006 und 2010 – und rechneten die Ergebnisse auf die Gesamtheit hoch. Demnach steht in 63.000 Firmen mit insgesamt 498.000 Mitarbeitern ein Wechsel an der Spitze an. Knapp die Hälfte von ihnen bleibt in Familienhand.

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