Slowakei

Haló Kollegen…


Ein Leben mit knapp 700 Euro brutto: Der Slowake Štefan Trulík erzählt von seinem Alltag.

Povazská Bystrica. Manchmal träume ich von einem Haufen Geld. Ich träume, dass ich am Morgen aufstehe, und sie dann einfach da sind, die vielen Scheine, und meine Sorgen dafür weg. Einfach verschwunden. Im Traum fühlt sich mein Leben dann leicht an, fast schwerelos.

Dann klingelt mein Wecker. Ich wache auf, es ist 4 Uhr 30, und ich muss zur Frühschicht. Willkommen in meinem Leben.

Versteht mich nicht falsch – ich will mich gar nicht beschweren, dazu habe ich keinen Grund. Im Gegenteil: Ich glaube, ich habe Glück gehabt. Nein, ich weiß es sogar.

Mit meinem Job zum Beispiel. Ich arbeite als Maschinenführer beim amerikanischen Konzern Sauer-Danfoss. Unser Werk sitzt in Povazská Bystrica, das liegt knapp 160 Kilometer östlich unserer Hauptstadt Bratislava.

Auf Schicht stehe ich da an einer CNC-Werkzeugmaschine, fräse Gewinde in große Flansche oder mache Bohrungen in Getriebeteile. Dafür bekomme ich ungefähr 23.000 Kronen brutto, also umgerechnet 700 Euro.

Ob meine Kollegen und ich Euch in Deutschland die Jobs wegnehmen? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich meine Familie ernähren muss. Das müssen wir doch alle, oder?

„Früher waren wir nicht konkurrenzfähig“

Im Werk produzieren wir hydraulische Getriebe für Land- und Baumaschinen. Also, wenn Ihr bei Euch auf der Autobahn so einen Betonmischer überholt und seht, wie sich das Riesending da hinten drauf dreht – das Getriebe dafür kommt von uns.

Die Geschäfte laufen wohl ganz gut, zumindest erzählen sie uns das auf den Mitarbeiterversammlungen im Werk. Egal ob Iveco, Mercedes, Volvo – unsere Kunden sitzen mittlerweile in der ganzen Welt. „Wir sind gut aufgestellt“, sagen die Chefs dann immer.

Da habe ich schon ganz andere Zeiten erlebt. Früher, da haben wir hier Flugzeugmotoren gebaut. Die Maschinen dafür waren tschechischer Bauart, alte Schätzchen, die noch mit Lochstreifen gesteuert wurden. Wir waren nicht konkurrenzfähig, das konnte nicht lange gutgehen. Als dann die Rezession kam, war hier der Ofen aus. Die meisten meiner Kollegen verloren ihre Stelle.

Wie gesagt: Ich hatte Glück. Kurz nach der Pleite ließ ein Investor aus Deutschland mit kleiner Mannschaft mechanische Getriebe auf dem Gelände hier bauen, und ich war dabei. Und 1995 übernahm Sauer- Danfoss den Standort. Seitdem geht es richtig bergauf.

Ich glaube, das gilt auch für mein Land, die Slowakei. Früher, zu Zeiten der alten Tschechoslowakei, da spielten wir Slowaken doch nur die zweite Geige. Die Tschechen  hatten immer das letzte Wort und wir nichts zu sagen.

Seit gut 15 Jahren sind wir jetzt ein eigener Staat. Ich finde, wir haben uns gemacht, sind erwachsen geworden. Und im Januar bekommen wir jetzt auch noch „Euren“ Euro.

Ob mir das was bedeutet? Ehrlich, ich mache mir da keine großen Gedanken. Heute zahle ich noch mit Kronen, morgen dann eben mit dem Euro, was soll’s.

Ich meine, viel wichtiger ist doch, dass überhaupt genügend Geld da ist. Und da wären wir dann auch schon wieder bei meinen Sorgen und dem Haufen Geld, den ich gern hätte.

Hausbau mit eigenen Händen

Dieses Jahr werde ich 40, meine Frau Jana und ich haben drei Töchter. Jana studiert noch, also muss ich meine Familie allein durchbringen. Ganz schön viel Verantwortung für einen allein.

Große Sprünge sind da nicht drin, wir müssen rechnen. Deshalb wohne ich mit meinen vier Frauen auch noch bei meinen Eltern. Drei Zimmer haben wir da für uns. Das geht zwar, aber es wird Zeit, dass wir aus dem Haus kommen.

Seit drei Jahren baue ich also ein eigenes Haus für meine Familie und mich. Ich baue dieses Haus mit meinen eigenen Händen, nach Feierabend, an Samstagen. Wenn alles klappt, wollen wir noch vor Weihnachten einziehen.

„Ein eigenes Auto? Viel zu teuer!“

Trotzdem frage ich mich oft, wie ich das alles stemmen soll. Umgerechnet 245 Euro gehen allein für die Hauskredite monatlich drauf, 300 Euro geben wir für Lebensmittel aus. Zum Glück leben wir in einem kleinen Dorf, da hat jeder noch einen Gemüsegarten. Sonst wär’s noch enger.

Dazu kommt dann Kleidung für die Kinder, Bücher, was weiß ich noch. Ein Auto? Viel zu teuer. Die 30 Kilometer zur Arbeit fahre ich mit dem Bus.

Am Monatsende bleibt nicht viel übrig, sparen können wir so gut wie nichts. Nicht fürs Alter, nicht für die Ausbildung der Kinder. Wenn Jana mit dem Studium fertig ist, muss sie deshalb ganz schnell einen Job finden.

Und ich meinen behalten. Das Management sagt, wir würden zwar Top-Qualität liefern, aber die Chinesen, die säßen uns im Nacken. Aber ich glaube daran, dass es aufwärts geht in meinem Land, dass es hier jetzt überall Arbeit gibt. Auch wenn man ein bisschen suchen muss, bis man sie gefunden hat. Und wer weiß: Vielleicht gilt das ja auch für den Haufen Geld, von dem ich so gerne träume. Bis mein Wecker dann wieder klingelt.

Das Land in Zahlen

Die unabhängige Slowakei ging aus der Teilung der alten Tschechoslowakei im Jahr 1993 hervor. Das Land hat rund 5,4 Millionen Einwohner.

Im vergangenen Jahr betrug das Wirtschaftswachstum der Slowakei 10,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag im Dezember bei 10,3 Prozent – das ist der niedrigste Wert seit 1994. Im ersten Halbjahr 2008 lag die Inflationsrate bei 3,4 Prozent. Wichtigster Handelspartner der Slowakei ist Deutschland. 2007 lieferte das Land Waren im Wert von 8 Milliarden Euro nach Deutschland, insbesondere Fahrzeuge, Maschinen und Anlagen.

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