Kernenergie

Hängen im Schacht


Der lange Streit um das Endlager-Projekt Gorleben

Die Reise dauert gerade mal 90 Sekunden, und die Fahrt geht steil bergab. Besser: bergrein. Eine Klingel schrillt, dann setzt sich der stählerne Förderkorb in Bewegung. Es schwankt, es wackelt, rasend schnell geht es runter, die eingeschalteten Grubenlampen an den Helmen der Männer schicken wirre Lichtkegel in die Schwärze.

Dann plötzlich, ist Endstation. Mit einem kräftigen Ruck hält der Korb, das Gitter fährt zur Seite, Scheinwerfer flammen auf. „Da wären wir“, sagt Christian Islinger, der Grubenführer.

Man ist also angelangt.

Angelangt auf einer Bergwerksohle in 840 Metern Tiefe, hineingesprengt mitten in einen Salzstock. Und angelangt mitten im Kern eines Streitfalls, der die Republik spaltet in Befürworter und erbitterte Gegner: Im Atommüll-Endlagerprojekt Gorleben.

Gespenstische Stille im Stollen

Der kleine Ort im niedersächsischen Wendland, der Atommüll und das Salz – es ist eine unendliche Geschichte. Und keine schöne. Seit 1977 die Entscheidung verkündet wurde, den Salzstock unter Gorleben auf seine Eignung als unterirdisches Endlager für hochradioaktiven Müll aus deutschen Kernkraftwerken zu erkunden, tobt der Streit.

Der Salzstock Gorleben ist sicher, die geologischen Strukturen gut geeignet für ein Endlager, kein Grundwasser in der Nähe. Das sagen die einen.

Gorleben wäre ein Fiasko, der Salzstock ungeeignet, das Deckgestein nicht dicht genug, es könnte zu Laugenbildung kommen, die das Grundwasser verseuchen könnte. Das sagen die anderen.

Neue Nahrung erhielt die hitzige Endlagerdebatte jüngst durch Berichte über manipulierte Gutachten und politischen Druck auf beteiligte Wissenschaftler.

Jede Menge Zank und Zoff also. Doch hier unten, in der Tiefe des eigens für die Erforschung des Salzstocks ausgeschachteten Erkundungsbergwerks, herrscht derzeit nur gespenstische Stille. Seit die damalige rot-grüne Bundesregierung vor neun Jahren einen bis heute bestehenden Erkundungsstopp für die Grube verfügte, kümmert sich nur noch eine Handvoll Kumpel um die Erhaltung der Stollen. 

Eigentlich hätten längst alternative Standorte für ein Endlager sondiert werden sollen, in Salz, in Ton oder Granit. Nichts davon ist passiert, auch die gerade abgelöste große Koalition wagte sich nicht an das heiße Eisen.

Als sich das Gitter des Förderkorbs öffnet, geht Grubenführer Christian Islinger voran. Der Geologe der „Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe“ tritt hinaus in den jetzt hell erleuchteten Stollen. Salzweiß schimmernde Wände, dicke Bündel aus Stromkabeln laufen daran entlang, die Decken sind hoch wie in einem großstädtischen Straßentunnel.

„Kommen Sie“, sagt Islinger, und die Gruppe Männer mit den Grubenlampen am Helm folgt zögerlich. Keiner spricht, einer befingert leicht nervös das Sauerstoffgerät, das jeder hier unten bei sich tragen muss.

Es sind keine Bergleute, die Islinger gerade in den Stollen führt. Es ist eine Besuchergruppe, fast täglich kommt eine. „Jeder ist willkommen“, sagt Islinger.

30.000 Kubikmeter Atommüll

Der Geologe führt die Männer ein paar Meter den Stollen hinab, vorbei an den geparkten riesigen Baumaschinen. Vorbei an Werkstätten, groß wie Turnhallen, in denen niemand arbeitet, an leeren Pausenräumen.

Gut 30.000 Kubikmeter hochradioaktiven Atomschrott, vor allem abgebrannte Brennelemente und verglaste Abfälle in stählernen Kokillen aus Wiederaufbereitungsanlagen, müsste ein deutsches Endlager bis 2040 aufnehmen. Wenn es beim Atomausstieg bleibt. Eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren würde den Atommüllberg Schätzungen zufolge nochmals um 30 Prozent anwachsenlassen.

„Wir müssen hier Sicherheit schaffen für eine Million Jahre“, sagt Islinger fast beiläufig beim Gang durch die Stollen. Nach 500 Jahren, so glauben  Experten, gehe zudem das Wissen darüber verloren, was da einst im Salz vergraben wurde. „Deshalb darf man kein Risiko eingehen. Absolut keins!“, sagt Islinger.

Gerade Salz sei dabei als Atomgrab gut geeignet. Es sei ein fließendes Gestein, im Laufe der Jahre umschließe es die eingelagerten Behälter. „Wie Bernstein eine Mücke“, sagt Islinger. Und keiner kommt mehr dran? „Nein“, sagt Islinger. „Endlager eben.“

Erst ein Fünftel des möglichen Endlager-Areals konnte bislang erkundet werden. Zu wenig für ein abschließendes Urteil. „Wir haben bislang nichts Negatives gefunden“, sagt Islinger. „Aber das heißt noch nicht, dass Gorleben zum Endlager taugt.“ Man müsse zunächst weiterforschen. „Doch das dürfen wir eben nicht.“

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Schlagwörter: Energie Rohstoffe

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