Bürokratie

„Gurkenverordnung ist uns zu albern“


Kein Witz: Der EU schmeckt ihre absurdeste Vorschrift nicht mehr - das nimmt man ihr krumm

Brüssel. Sie gilt als Inbegriff der Brüsseler Regulierungswut, jetzt soll sie weg: die Gurken-Verordnung 1677/88 EWG, die unter anderem den Krümmungsgrad von „10 Millimeter auf 10 Zentimeter Länge“ vorgibt. Ausgerechnet die Eurokraten selbst wollen sie abschaffen! Das verspricht uns Michael Mann (41), bei der Europäischen Kommission Pressesprecher Landwirtschaft.

Interview

AKTIV: Nach 20 Jahren Spott über die umstrittene Gurken-Verordnung – sind Sie jetzt schlauer?

Mann: Moment mal! Ich war nicht dabei, als die Verordnung 1988 beschlossen wurde. Gleichwohl gebe ich zu: Sie passt nicht mehr  in unsere Zeit.

AKTIV: Was Sie nicht sagen!

Mann: Es ist albern, dass sich die EU-Kommission mit dem Krümmungsgrad einer Gurke beschäftigt. Das sollten Erzeuger und Handel unter sich regeln. Zudem sind viele Lebensmittel knapp und teuer geworden. Da können wir es uns nicht leisten, Obst und Gemüse wegzuwerfen, bloß weil es nicht schön aussieht.

AKTIV: Aber wie wir die EU kennen, bleibt uns die Verordnung trotzdem noch lange erhalten.

Mann: Wir werden in den kommenden Wochen einen formellen Vorschlag auf den Tisch legen. Dann müssen die Mitgliedsstaaten abstimmen. Das wird spätestens im Oktober sein. Wir sind zuversichtlich, dass wir diese Verordnung doch noch abschaffen können. Die Kommission wollte 2007 das Gros der 26 landwirtschaftlichen Vorschriften streichen. Künftig sollte es nur noch für die zehn wichtigsten Produkte Normen geben. Die Gurke gehört nicht dazu.

AKTIV: Und wer hat das löbliche Ansinnen verhindert?

Mann: Die Beamten, die in Brüssel ihre Regierungen vertreten. 17 Länder waren dagegen und nur vier dafür. Die restlichen konnten sich nicht entscheiden.

AKTIV: Warum dieser flächendeckende Widerstand?

Mann: Wir vermuten, dass dahinter   Lebensmittelindustrie und Handel stehen, denen die Normen das Geschäft erleichtern. Es ist einfacher, wenn man als Importeur landwirtschaftlicher Produkte weiß, was man erhält. Zudem lassen sich sehr krumme Gurken nur schwer verpacken und bekommen auf langen Reisen schnell  Druckstellen. Aber dennoch: Es ist nicht sinnvoll, dass Brüssel dafür Zeit verschwendet. Wir haben Wichtigeres zu tun!

AKTIV: Hat sich damals auch Deutschland quer gelegt?

Mann: Ja. Die Beamten haben dagegen gestimmt, obwohl das Bundeslandwirtschaftsministerium jetzt vorgibt, die Abschaffung ausdrücklich zu unterstützen.

AKTIV: Wir dürfen also noch lange über 1677/88 EWG lästern?

Mann: Nein! Wir haben eine große Kampagne gestartet, um die Beamten zu überzeugen. Die Logik ist auf unserer Seite. Wir denken: Spätestens im Herbst sind wir die unsägliche Verordnung los.

AKTIV: Wie halten Sie’s  privat mit der Gurke?

Mann: Hauptsache, sie schmeckt.

Info: Die Verordnung – kleine Kostprobe

Die sechsseitige Verordnung 1677/88 EWG in Auszügen:

Gurken der Klasse Extra müssen „gut entwickelt sein, gut geformt und praktisch gerade sein (maximale Krümmung: 10 Millimeter auf 10 Zentimeter Länge der Gurke), eine für die Sorte typische Färbung haben, frei von Fehlern sein, einschließlich aller Formfehler …“

„Das Mindestgewicht für Gurken aus dem Freilandanbau beträgt 180 Gramm. Unter Schutzdach angebaute Gurken müssen mindestens 30 Zentimeter lang sein, wenn sie 500 Gramm und mehr wiegen, mindestens 25 Zentimeter lang sein, wenn sie 250 bis 500 Gramm wiegen …“

Artikelfunktionen


Schlagwörter: Europa Recht

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang