Enormer Baustoff-Bedarf für kaputte Straßen, marode Gebäude & Co.

Großes Problem für Deutschlands Infrastruktur: Der Sand wird knapp!


Wesel. Jörg Hüting, Geschäftsführer der Kiesbaggerei Hülskens, musste kürzlich eine Hiobsbotschaft verkünden: 70 Mitarbeiter, gut ein Viertel der Belegschaft, müssen gehen, so drastisch wird das Geschäft bis zum Jahr 2016 zusammenschrumpfen. Bemerkenswert ist daran Folgendes: Die Firma ist rentabel – und sie hat keinerlei Probleme, ihre Produkte an den Mann zu bekommen.

Ganz im Gegenteil. Sand und Kies, wie sie Hülskens als eines von 1.120 meist mittelständischen Unternehmen in Deutschland fördert, haben eine Riesenzukunft. Viele sagen, es hängt sozusagen die Zukunft des Landes daran. Kaputte Autobahnbrücken, gefährliche Schlaglöcher, marode Schulen, bedrohlicher Wohnungsmangel – alle reden vom Infrastruktur-Problem. Und von der schwierigen Suche nach Geld. Was kaum einer im Blick hat: Auch der wichtigste Baustoff wird knapp!

„Wir bekommen von der Landesregierung immer weniger Flächen“

Seit mehr als 100 Jahren ist die Firma Hülskens aktiv – der Niederrhein ist eines der größten Sand- und Kiesabbaugebiete Europas. 24 Männer arbeiten etwa im Kieswerk „Grunland-Milchplatz“: mit einem 120 Meter langen Eimerkettenschwimmbagger, der 56 stählerne Rieseneimer 20 Meter tief in den Boden rammt. Jeder von ihnen fasst 300 Kilo. Im Zwei-Schicht-Betrieb gewinnt man hier den Rohstoff, den es nach landläufiger Formulierung so unbegrenzt gibt wie, nun ja, Sand am Meer.

Aber das stimmt nicht. „Wir bekommen von der Landesregierung immer weniger Flächen für neue Abbauprojekte ausgewiesen“, berichtet Hülskens-Geschäftsführer Hüting. „Und für bestehende Kieswerke gibt es keine Verlängerungen mehr.“ Deshalb habe man jetzt handeln müssen und den Personalabbau angekündigt. Es sei ein schwerer Schritt für das Unternehmen – und natürlich schmerzlich für die Region. Und: Es ist kein Einzelfall.

Harald Elsner, Wirtschaftsgeologe in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, bestätigt als generellen Trend: „Es wird in Deutschland immer schwieriger, an Sand und Kies heranzukommen.“ Zum einen würden immer mehr Flächen besiedelt und seien damit für die Bagger-Firmen tabu. Zum anderen würden lukrative Abbaustätten zunehmend als Schutzgebiete, zum Beispiel als „Flora-Fauna-Habitat-Gebiete“, ausgewiesen.

Dahinter steht die schon vor Jahrzehnten erlassene sogenannte FFH-Richtlinie der EU. Es geht darum, dass seltene Pflanzen- und Tierarten und deren Lebensräume europaweit geschützt werden. „Die Richtlinie wird in Deutschland aber strenger ausgelegt als von der EU ursprünglich angedacht“, stellt Geologe Elsner fest.

Später entstehen Naturschutzgebiete

250 Millionen Tonnen Sand und Kies werden jährlich in Deutschland gefördert. Die Förderanlage „Grunland-Milchplatz“ immerhin läuft noch bis zum Jahr 2025. Auf Förderbändern gelangt das Material zur Aufbereitungsanlage. Dort wird es gewaschen und sortiert. Für jede Größe stehen Silos bereit: Sand (kleiner als zwei Millimeter Durchmesser), Grobsand, Feinsand und Kies.

Der Abtransport per Lkw oder Schiff ist akribisch geplant. „Wir können den Sand und Kies nicht lange lagern“, erklärt Betriebsleiter Thomas Schulz. „Der Bagger schaufelt ja immer weiter.“

Und wenn das Projekt abgeschlossen ist? Dann entsteht hier ein Naturschutz- und Naherholungsgebiet, sagt Schulz. „Jede Kiesgrube, die wir ausgebaggert haben, wird anschließend wieder renaturiert.“


Zementofen: Das Holcim-Werk in Lägerdorf (Schleswig-Holstein). Foto: Werk
Zementofen: Das Holcim-Werk in Lägerdorf (Schleswig-Holstein). Foto: Werk

Ohne Zement kein Bau …

… und Zement-Hersteller haben noch ganz andere Probleme

Hamburg. Damit aus Sand und Kies Beton entsteht, braucht man das Bindemittel Zement. Die Zement-Industrie klagt weniger über Abbau-Probleme ihrer Rohstoffe Kreide und Kalkmergel. Vielmehr haben die Hersteller mit hohen Energiekosten zu kämpfen. Denn die Branche ist eine der energieintensivsten überhaupt.

In Zementöfen wird es etwa 1.450 Grad heiß, damit aus den Rohstoffen der Zement-Klinker entsteht. Noch sind Betriebe von der EEG-Umlage für die teure Ökostrom-Förderung befreit.

Würde auch hier die EEG-Umlage fällig, wäre jeder Arbeitsplatz 30.000 Euro teurer

Aber in Berlin wird diskutiert, diese Rabatte für die Industrie einzuschränken. „Ohne EEG-Entlastung würde der Anteil der Stromkosten umgerechnet auf die Beschäftigung 30.000 Euro je Arbeitsplatz mehr kosten“, heißt es beim Verein Deutscher Zementwerke.

Hersteller wie Heidelberg Cement, Holcim oder Schwenk befürchten für diesen Fall große Wettbewerbsnachteile gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

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