Gesundheitsreform

Großer Aufschwung? Nicht bei uns!


Pharma-Industrie muss bittere Pille schlucken

Limburg. Waltraud Kierek kennt „ihre“ Firma genau: Seit 36 Jahren ist die gelernte Sekretärin schon beim Pharma-Unternehmen Mundipharma in Limburg. Höhen und Tiefen hat sie erlebt: „Da sind wir immer gemeinsam durch“, erzählt sie.

Von der Wirtschaftskrise hat sie bei der Arbeit zum Glück wenig gespürt. Aber von der rasanten Erholung auch nichts: „Der große Aufschwung? Nicht bei uns!“, sagt sie.

Gesundheitsreform: 100 Jobs gestrichen

Die Pharma-Industrie kämpft mit schwierigen Rahmenbedingungen. Deshalb muss Gunther Niederheide, Chef von Mundipharma, seine Pläne für 100 neue Stellen vorerst auf Eis legen: Erhöhte Zwangsrabatte und eine verordnete eingefrorene Preisgestaltung haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Obwohl er das Personal gut gebrauchen könnte: Ein neues Mittel gegen Asthma steht kurz vor der Zulassung. „Zwar hat sich das Unternehmen gut entwickelt“, sagt er. „Aber die Auswirkungen der Gesundheitsreform werden uns allein in diesem Jahr 30 Millionen Euro kosten.“ Das entspricht rund 10 Prozent des gesamten Umsatzes. Niederheide: „Sowas belastet uns als Mittelständler überproportional.“

Die Firmen müssen den gesetzlichen Krankenkassen seit dem 1. August 2010 einen von 6 auf 16 Prozent gestiegenen Hersteller-Rabatt auf innovative Medikamente gewähren. „Zusätzlich wurden für unsere Arzneimittel alle Preiserhöhungen bis zum Jahr 2009 rückgängig gemacht“, so Niederheide.

Erhöhte Kosten für Energie oder Personal kann er auch künftig nicht weitergeben: „Die Preise sind bis 2013 blockiert“, stellt Niederheide klar. Zudem muss vor jeder Erhöhung nachgewiesen werden, worin genau der Vorteil des neuen Mittels besteht. „Dafür sind teure Studien nötig.“

Und während andere Branchen nach dem tiefen Produktionseinbruch 2009 zuletzt sehr ordentliche Wachstumsraten vorweisen konnten, weiß der Pharma-Mann: „Wir machen den Aufschwung leider nicht mit.“ Angesichts der bevorstehenden Tarifrunde steht für ihn fest: „Wenn jetzt noch überzogene Lohnforderungen kommen, haben wir echt ein Problem.“

„Wir stehen jetzt zur Firma“

Die Belegschaft kennt die Situation. „Wir sind nicht die Auto-Industrie, wo es brummt“, sagt die Chemielaborantin Antonia Franke. Bei anderen Pharma-Unternehmen werde sogar entlassen: „Wir haben gute Zeiten genossen, jetzt stehen wir zur Firma und sehen, wie es weitergeht“, meint sie. Ihr Kollege Sören Plag ist optimistischer: „Schön, wenn wir trotzdem etwas mehr Geld bekommen“, sagt er.

Für Pharmakant Gerold Sennlaub (30 Jahre dabei) ist aber klar: „Wir werden keine horrenden Forderungen stellen!“ Sein Kollege Elmar Blohm (35 Jahre dabei): „Es geht uns nicht extrem gut, aber wir werden die Situation zusammen meistern.“

Mundipharma ist ein Beispiel von vielen. „Leider profitiert ein mittelständisches Pharma-Unternehmen wie wir nicht vom großen Aufschwung“, sagt auch Kai Schleenhain, geschäftsleitender Gesellschafter von Hennig Arzneimittel in Flörsheim.

Er musste geplante Neubauten stoppen, 60 neue Stellen bleiben nun erst einmal unbesetzt.

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