Interview: Fraport-Chef über Trends im Luftverkehr

„Große Verlagerung“


Der Frankfurter Flughafen steht im beinharten globalen Wettbewerb, sagt Stefan Schulte, Vorstandschef der Betreibergesellschaft Fraport. Wie er ausgeht, sei wichtig für die gesamte Industrie.

AKTIV: Herr Schulte, in Frankfurt gibt es aktuell knapp 5 Prozent weniger Flüge als vor einem Jahr. Was ist los im Luftverkehr?
Schulte:
Die Airlines reagieren auf die saisontypische Nachfragedelle anders als sonst – sie verstärken nicht den Vertrieb mit zusätzlichen günstigen Winterangeboten, sondern dünnen den Flugplan aus und reduzieren Kapazität. So sind die Flieger besser ausgelastet. Aber im Gesamtjahr 2012 werden wir hier etwa 58 Millionen Passagiere zählen, mehr als je zuvor. Damit stehen wir im europäischen Vergleich glänzend da.

AKTIV: Den Anwohnern, die immer noch gegen die 2011 eröffnete vierte Landebahn und gegen das geplante „Terminal 3“ protes­tieren, ist die aktuelle Delle ein willkommenes Argument.
Schulte:
Airport-Ausbauten werden überall in der westlichen Welt von Diskussionen begleitet. Das heißt nicht, wie mitunter unterstellt, dass sich hier Willkür Bahn gebrochen hätte. Der Ausbau beruht auf umfangreicher Planung, detaillierten Genehmigungsprozessen, bei denen die Öffentlichkeit breitest möglich beteiligt ist, und schließlich dem Gang durch alle Appellationsinstanzen. Der Ausbau ist das rationale Ergebnis eines transparenten Prozesses, genehmigt durch das Bundesverwaltungsgericht.

AKTIV: Was tun Sie, um auf die Protestler zuzugehen?
Schulte:
Es gibt in Frankfurt ein aufwendiges Schallschutzprogramm. Wir kaufen Immobilien, die unter der Anfluggrundlinie niedrig überflogen werden. Und die Landesregierung hat zusammen mit der Luftverkehrsindustrie ein umfangreiches Lärmschutzpaket aufgelegt.

AKTIV: Bleibt es beim Starttermin Ende 2013 für den ersten Bauabschnitt des Terminals 3?
Schulte:
Ja. Ohne dieses Projekt stoßen wir ab einem Passagieraufkommen von jährlich 65 Millionen an Wachstumsgrenzen, weil Abfertigungskapazitäten fehlen würden.

AKTIV: Pro Woche starten in Frankfurt aktuell 3 980 Passagier- und 220 Frachtflieger. Können Sie nachvollziehen, dass manche Leute finden, das müsse reichen?
Schulte:
Wenn jemand, der in unmittelbarer Nachbarschaft von Verkehrsinfrastruktur lebt, deren Ausbau ablehnt, ist das sicherlich zu verstehen. Auch wenn er selbst Auto fährt, mit der Bahn reist oder fliegt. Letztlich geht es um die richtige Abwägung des öffentlichen Interesses und der unzweifelhaft bestehenden Belastungen. Die ist in Frankfurt erfolgt. Jetzt muss alles unternommen werden, die Belastungen so niedrig wie möglich zu halten. Dabei dürfen wir aber den globalen Zusammenhang nicht ausblenden.

AKTIV: Was meinen Sie damit?
Schulte:
Mobilität ist der Treibstoff für eine hochentwickelte Volkswirtschaft wie unsere, so wichtig wie der Sprit fürs Auto. Und wir erleben zurzeit im Luftverkehr eine richtig große Verlagerung der Gewichte hin zum Nahen und Mittleren Osten. Dort wachsen die Airlines und Flughäfen Jahr für Jahr zweistellig. Ein Flughafen wie Dubai ist in kurzer Zeit aus dem Nichts auf jährlich 51 Millionen Passagiere expandiert; Istanbul peilt mittelfristig die 100 Millionen an. Die neuen Aufsteiger verbinden Zentren der Welt.

AKTIV: Deshalb muss Frankfurt gegenhalten?
Schulte:
50 Prozent unserer Passagiere sind Umsteiger – ohne sie könnten wir niemals so viele Verbindungen und eine so aufwendige Infrastruktur für die deutsche Wirtschaft vorhalten. Und diese Drehkreuz-Rolle darf nicht in Gefahr geraten. Wenn wir Konnektivität verlieren würden, weil sich das dichte Verbindungsgefüge an anderen Orten profitabler herstellen lässt, hätte das unmittelbar Auswirkungen auf unsere exportstarke, in der internationalen Arbeitsteilung erfolgreiche Industrie: Sie müsste umständlichere Wege über ausländische Airports gehen.

AKTIV: Wie sehen Sie die Situation im Frachtverkehr?
Schulte:
45 Prozent des weltweiten Luftfrachtvolumens entfallen auf nur 20 Orte, da läuft ein beinharter Standortwettbewerb – und Frankfurt ist das wichtigste europäische Drehkreuz. Viele Faktoren spielen eine Rolle: die zentrale Lage mitten in Europa, die Exportstärke der Wirtschaft, unsere im weltweiten Vergleich überragende Verkehrsanbindung und natürlich der leistungsstarke Drehkreuz-Flughafen selber.

AKTIV: Worum geht es konkret? Sie wollen mehr Rückendeckung?
Schulte:
Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, wie wichtig für ein Industrieland, das mehr als alle anderen von der weltweiten Arbeitsteilung profitiert, die Verbindung in die Welt ist. Die Luftverkehrsabgabe, die seit 2011 in Deutschland erhoben wird, passt nicht in die Wettbewerbslandschaft, in der unsere Airlines und ein Interkontinental-Hub wie Frankfurt stehen. Und die immer wieder vorgeschlagene „Kerosinsteuer“ würde für deutsche Airlines den Exodus bedeuten.

AKTIV: Schon der Preisanstieg bei Kerosin belastet die Lufthansa 2012 mit 800 Millionen Euro.
Schulte:
Es ist immer der letzte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt. Die Kerosinpreise müssen alle Airlines tragen – die Luftverkehrsteuer wurde mehr oder minder im nationalen Alleingang eingeführt. Über den Frankfurter Flughafen mit seinem Home-Carrier Lufthansa gehen fast 70 Prozent aller interkontinentalen Flüge aus Deutschland raus und wieder herein. Das schafft für unsere exportstarke Industrie die exzellente Anbindung in einer globalen Welt. Wir brauchen starke Flughäfen und wettbewerbsfähige deutsche Airlines – letztlich für den Industriestandort Deutschland.

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