Östlicher EU-Außenposten im Fokus

Große AKTIV-Reportage: Warum in Polen die Wirtschaft boomt

Warschau/Danzig/Posen. Der Kopf von Agata Perkowska steckt voller Geschichten. Manche sind wahr, andere bloß Legende, spannend sind alle. Und Perkowska verdient damit ihre Brötchen. Die hübsche 24-Jährige ist „Tourguide“, Stadtführerin, gegen Bares zeigt sie Touristen ihr Warschau. „Der weltbeste Job in der weltbesten Stadt“, findet sie.

Mit einem Grüppchen schnatternder Asiaten im Schlepptau marschiert Perkowska an diesem Morgen durch das historische Zentrum der polnischen Hauptstadt. Eisiger Ostwind fegt Herbstlaub über Kopfsteinpflaster, und Agata Perkowska erzählt. Eine Anekdote hier, eine Räuberpistole dort, nach zwei Stunden ist alles abgespult, und die Japaner sind glücklich. Obwohl sie ihnen die beste Story gar nicht erzählt hat: die vom märchenhaften Aufschwung, den Warschau, den ganz Polen derzeit erfährt.

„Stimmt schon“, sagt die Stadtführerin nach ihrer Tour, „ist gerade wie im Rausch hier, überall wird gebaut, es gibt Jobs für fast alle, die was können.“ Für die Touristen aber tauge das trotzdem nicht. Die wollten lieber was von alten Königen hören. „Polen als Erfolgsgeschichte? Das glauben viele einfach nicht.“

38 Millionen Autodiebe?

Wie bezeichnend. Polen also. Unser östliches Nachbarland. 38 Millionen Einwohner. Und alles Autodiebe!

Natürlich ist das Blödsinn. Aber mal ehrlich: Wie hat man über dieses Land gelästert. „Machen Sie Urlaub in Polen, Ihr Auto ist schon da“ – seit 20 Jahren kringelt sich da der Stammtisch. Polen, ätzt manch Durchschnittsmichel noch heute, ist das nicht dieses verarmte und rückständige Ostblock-Land? Wo die Spargelstecher wohnen und faule Handwerker? „Kannst nicht hinfahren, alles korrupt da!“


Nirgendwo in Europa wächst die Wirtschaft schneller

Es ist Zeit, Abbitte zu leisten! Denn: Polen boomt.

Erst seit 2004 Mitglied der EU, hat sich das Land vom beargwöhnten Sorgenkind zum bewunderten Musterschüler gemausert. Seit zehn Jahren wächst die Wirtschaft um durchschnittlich 4 Prozent pro Jahr – damit ist Polen Europas Champion!

Die Arbeitslosigkeit hat sich auf etwa 11 Prozent halbiert. Ausländische Firmen haben für sagenhafte 180 Milliarden Euro Fabriken gebaut, fast alles ist da, was Rang und Namen hat. Bayer und BASF, General Motors und Toyota, Samsung, Volkswagen, die Liste ist endlos. Allein 6.000 deutsche Unternehmen sind in Polen engagiert, investierten bislang 27 Milliarden Euro und schufen damit eine halbe Million direkte Arbeitsplätze.

„Relativ niedrige Lohnkosten, hochmotivierte Mitarbeiter, sichere Rahmenbedingungen, das macht Polen so attraktiv“, begründet Michael Kern, Leiter der deutschen Außenhandelskammer in Warschau, den Run.

Und dank üppiger Finanzspritzen aus Brüssel kommt auch die Infrastruktur in Form. Hatten beispielsweise Polens Straßen vor Jahren häufig noch Feldweg-Niveau, rauscht man nun auf frisch asphaltierter Autobahn von Berlin bis nach Warschau durch.

Da kann man schon mal ins Schwärmen geraten. „Polens Aufstieg als wirtschaftliches und politisches Schwergewicht in Europa ist eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte“, urteilt staatsmännisch Günter Verheugen, EU-Kommissar. Und Marcin Piatkowski, Chefvolkswirt der Weltbank in Warschau, äußert sich gar pathosumflort: „Polen erlebt ein neues Goldenes Zeitalter nach 500 Jahren des Niedergangs!“

Da fragt man sich: Niedrige Löhne und EU-Geld? Das sind die Gründe für Polens Boom? Oder hat es mit den Menschen zu tun?

Wer eine Antwort sucht, der sollte nach Danzig fahren. Im Ostsee-Nieselregen schlendern Marek Prostak und Piotr Pacanowski über das Gelände der ehemaligen Lenin-Werft. Das Wasser tropft beiden vom Helm, mit klapprigen Elektrokarren holpern Werftarbeiter über Schlaglochpisten, von den Schiffen im Dock hallt der kreischende Sound von Trennschneidern. Historisches Pflaster: Einst lehrte hier Arbeiterführer Lech Wałęsa mit seiner Solidarność die Kommunisten das Fürchten. Längst vorbei. Von früher 15.000 Werftarbeitern sind bloß noch 1.000 da, viele Gebäude stehen leer, verfallen.

Und trotzdem: Hier entsteht Neues – wegen Männern wie Prostak und Pacanowski. Beide verloren 2009 ihren Werftjob. Aber anstatt vor Selbstmitleid im Wodka zu ersaufen, nahmen sie ihr Schicksal in die Hand. Sie machten sich selbstständig und gründeten die Firma Convess, spezialisiert auf Konstruktion und Bau von stählernen Schiffskomponenten. „Wir haben einfach gemacht, was wir am besten können“, sagt Prostak.

Das brauchte Mut. 17 Jahre lang hatte er auf der Werft malocht. Als Schlosser mit dem großen Besteck, dann filigraner als Ingenieur am Zeichenbrett. Das Erste, was er morgens aus dem Plattenbaufenster sah, waren die Werft, die Kräne, die Pötte. „Das war mein Leben, ich wollte nicht, dass es einfach verschwindet.“

„Als unsere Jobs weg waren, haben wir die Chance gesehen“

Es ging weiter. Heute brummt Convess, so wie ganz Polen brummt, 90 Angestellte haben die beiden Existenzgründer schon, Tendenz steigend. Wichtiges Wachstumsfeld: Schiffskomponenten für die Offshore-Wind-Industrie. Gerade erst haben sie ein Projekt für eine norwegische Reederei abgeschlossen. „Es war gut, wie’s gekommen ist“, findet Pacanowski heute. „Die Krise war auch eine Chance – und wir haben sie genutzt.“

Wenn Michael Kern, der Handelskammer-Leiter in Warschau, solche Geschichten hört, dann neigt er den Kopf, nickt und sagt: „Ziemlich typisch, so was gibt es hier 1000-fach!“

Kern, freundliche Augen, Schnauzbart, sitzt in einem Besprechungsraum im Kammer-Gebäude unweit des Warschauer Stadtzentrums. Schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, sagt er, hätten viele Polen unternehmerisch gedacht. „Das war eine Form des Widerstands gegen das Regime. Dieser Drive kommt dem Land heute zugute, gerade kleine Firmen bilden eine starke Säule.“

Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kekse, unberührt. Doch wer ans Fenster tritt und auf die Straße blickt, sieht jeden Mittag eine lange Menschenschlange vor einem Gebäude des Kapuziner-Ordens. Es ist eine Armenküche, kostenlose Suppe für die Gestrandeten Warschaus. Soll keiner sagen, es sei alles perfekt im neuen Goldenen Zeitalter der Polen.

Deutschland ist der wichtigste Partner

Aber eben besser als früher. Das Pro-Kopf-Einkommen steigt stetig. Kaufkraftbereinigt liegt es derzeit bei 67 Prozent des EU-Schnitts. Der Export bricht ständig Rekorde, betrug 2013 bereits 186 Milliarden Euro. Größter Abnehmer ist Deutschland.

Pluspunkt der polnischen Wirtschaft: „Sie ist breit aufgestellt“, sagt Kern. Autobau, Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau und die Möbel-Industrie seien die wichtigsten Standbeine. „In den letzten 15 Jahren hat es Polen glänzend verstanden, sich insbesondere in die deutsche Wertschöpfungskette zu integrieren.“

Wieder Ortswechsel. Das Dörfchen Bolechowo, eine halbe Autostunde von Posen entfernt, ist ein pittoresker Flecken Erde. Viel Wald, die Warthe schlängelt sich durchs Naturschutzgebiet.

Am Ortsausgang ändert sich das Bild. Rechts der Straße eine etwas ramponierte Werkhalle, nackte Betonpfähle ragen wie Speere in den Himmel. Früher, im Kalten Krieg, wurden hier Waffen gebaut, heute ist es der Sitz des Busbauers Solaris, ehemals Neoplan Polska.

Neben dem Schienenfahrzeug-Spezialisten Pesa, dem Ölkonzern Orlen oder der Softwareschmiede Comarch gilt Solaris als eine der polnischen Vorzeigefirmen: Über 2.000 Mitarbeiter, 1.000 Busse pro Jahr, alles Eigenentwicklung, verkauft in 28 Länder, auch nach Deutschland. Gerade bauen sie die Halle aus, daher die Betonpfeiler draußen.

Und gleich nebenan, auf der anderen Seite der Landstraße, sitzt ein Deutscher, der deswegen sagt: „Nach Polen zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Der Mann heißt Hans-Jörg Otto, und wer ihn in seiner Firma besucht, fühlt sich wie im Urlaub. Neues Gebäude, gestutzter Rasen, ein frisch geölter Holzsteg führt über eine Teichanlage. Im Foyer steht eine Harley, in Ottos Büro eine E-Gitarre, das beschreibt den Mann schon ganz gut: zupackend.

Sein Unternehmen El-Cab fertigt Kabelsätze. Für Solaris-Busse, für Boote, für Schienenfahrzeuge. Wenn sich in Deutschland eine ICE-Tür öffnet, ist Ottos Laden im Spiel.

Nach Jahren als Produktionsleiter in einem Berliner Buswerk hatte sich Otto 1995 eigentlich nach Sylt zurückgezogen, wo er an Motorrädern herumschraubte. „Da rief mein früherer Chef an und sagte, es gebe Ärger mit der Qualität der Zulieferer, ob ich in Polen nicht eine Kabelfertigung aufbauen wolle.“

Er wollte. Die ersten 15 Mitarbeiter suchte er per Annonce zusammen. Heute beschäftigt El-Cab 560 Mitarbeiter, das neue Gebäude wird schon wieder zu klein. „Als ich hier ankam, war’s noch der wilde Osten“, sagt Otto. „Das ist vorbei. Die Korruption ist verschwunden.“ Und: „Die Leute sind hungrig, die Identifikation mit ihrer Arbeit und der Firma ist extrem hoch.“

Wer bei Otto arbeitet, bekommt im Schnitt 4.000 Złoty, gut 960 Euro. Ziemlich genau der Durchschnitt in der polnischen Industrie. Das ist deutlich mehr als noch vor Jahren. Otto: „Polen ist kein Billiglohn-Land mehr. Wer das sucht, muss weiter nach Osten.“

Derzeit, Stichwort Ukraine, will das kaum wer. Aber auf seinen Erfolgen wird sich Polen nicht ausruhen können. Die Gesellschaft altert, die Jugendarbeitslosigkeit liegt über dem EU-Schnitt, die Ausgaben für Bildung sind mickrig, zudem hinkt die Entwicklung des östlichen Landesteils chronisch hinterher. Top-Experten wie Janusz Jankowiak, Chef-Ökonom der Denkfabrik Polish Business Roundtable, fordern Strukturreformen. Und auch, EU-Gelder mehr in Innovation und weniger in Beton zu investieren: „Portugal hat jetzt gute Straßen, aber keine wettbewerbsfähigen Firmen.“

Daniel Boniecki, Ökonom bei der Beraterfirma McKinsey in Warschau, nimmt auch die heimische Industrie in die Pflicht. „Polnische Unternehmen müssen ihre Produktivität steigern, in Wachstumsbranchen investieren und endlich globaler denken.“

Loblieder auf die polnische Wertarbeit

An den Polen und ihrer Bereitschaft, Wagnisse einzugehen, neue Wege zu beschreiten, dürfte das kaum scheitern. Wer dafür ein Beispiel sucht, der sollte Katarzyna Nowojewska kennenlernen.

Wie ein Raumschiff aus Wellblech mutet das riesige Volkswagen-Werk im westpolnischen Posen an. Eine Stadt in der Stadt, fast 7.000 Mitarbeiter. Fast lautlos gleiten Caddys und Multivan-Busse an Hochbändern durch die lichtdurchflutete Montagehalle. 720 Autos verlassen das Werk täglich. Verantwortlich für die Produktion: Montageleiterin Nowojewska. Eine Frau! Konzernweit die einzige in einer solchen Position.

„560 Männer hören hier an den Hochbändern auf mein Kommando“, grinst die 39-Jährige. Seit fünf Jahren macht sie den Job, anfangs war’s nicht immer leicht. Sie musste sich freischwimmen, durchbeißen, „am Ende hab ich allen gezeigt, was ich kann“.

Ein Risiko? „Ich hätte scheitern können“, gibt Nowojewska zu, die mal Geografie studiert hat. Dann folgt ein Satz, passend für ganz Polen. „Wer nichts wagt, erreicht nichts.“

In der Wolfsburger VW-Zentrale singen sie längst Loblieder auf die Qualität der Autos aus Posen, in internen Rankings steht das Werk weit oben. Zuletzt beriet man im Konzern, wo man zukünftig das Nutzfahrzeug „Crafter“ bauen will. Hannover? Wolfsburg? Am Ende war klar: Polen!

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Ihn kennt in Polen jedes Kind: Steffen Möller, Schauspieler, Kabarettist, Autor, lebt seit 20 Jahren in Warschau und ist in Polen bekannter als Angela Merkel. Wir haben den berühmtesten deutschen Gastarbeiter getroffen.

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