Lebensgenuss

Gib mir die Kugel


Kalt, erfrischend, sahnig oder fruchtig: Die Deutschen sind heiß auf Eis

Wo Stephan Rummel mit seinem knallroten Mini auch aufkreuzt: Sofort bilden sich  Menschentrauben. Denn der  Oldtimer ist eine coole Kiste – ein Auto voller Eis. Diese kalte Köstlichkeit hat jetzt wieder Hochkonjunktur.

Krise? Frostige Zeiten? Der 43-jährige Düsseldorfer lacht. „Davon spür’ ich nichts, im Gegenteil.“ Seit zwölf Jahren kurvt er mit seinem alten Briten durch die rheinischen Lande, fährt bei Volks- und Straßenfesten vor, ist ein erfrischender Treffpunkt bei Firmen-Veranstaltungen. Seine Ehefrau Tina rührt derweil daheim  das klassische deutsche Milchspeiseeis aus Bio-Zutaten zusammen.

Der Kundschaft schmeckt’s. Rummels Verkauf legt jährlich um 30 bis 40 Prozent zu.

So war es auch 2009. „Beim Eis kühlt die Nachfrage nie ab“, freut sich der Klein-Unternehmer, der im früheren Leben mal EDV-Kurse gab.

Das bestätigt auch Anna Lisa Carnio: „2009 machten die Betriebe ein Umsatzplus von fast 10 Prozent.“ Sie ist Pressesprecherin des Verbandes italienischer Speiseeis-Hersteller Uniteis. Annähernd 90 Prozent der Eiswagen und -dielen sind in italienischer Hand. Der deutsche Eismann Stephan Rummel ist da schon eine Rarität.

7,7 Liter Eis pro Kopf

Bundesweit verwöhnen  rund 9.000 Eisdielen die Deutschen mit ihren Spezialitäten, etwa 3.200 davon bieten selbst hergestellte Kugeln an. Die gibt es in 60 Sorten, zwei Drittel davon als Fruchteis. Insgesamt stellten die Betriebe 2009 rund 112 Millionen Liter Eis her.

Doch das ist nur ein Klacks im Vergleich zu dem, was Nestlé Schöller, Langnese & Co auf den Markt bringen. Von dem industriell produzierten Eis wurden 503 Millionen Liter verputzt.

Krisensicher ist die Branche, weil sie sich immer etwas Neues einfallen lässt. So setzten die großen Hersteller 2009 auf den Retro-Trend. Nestlé Schöller zum Beispiel ließ den Klassiker „Himbi“ aufleben, nachdem der 17 Jahre lang aus dem Tiefkühlfach verschwunden war.

Positiv machte sich auch der anhaltende Trend zu den relativ teuren Kleinpackungen bemerkbar.

Rechnet man dann noch das sogenannte Soft-Eis hinzu, schleckten die Bundesbürger  zuletzt 633 Millionen Liter Eis. Pro Kopf waren das 7,7 Liter, gerade mal 0,1 Liter weniger als 2008.

Mini war mal Würstchen-Bude

Für dieses Jahr geben sich die Produzenten ganz cool. „Gerade in Zeiten, in denen der Gürtel enger geschnallt wird, gönnt man sich gerne einen kleinen Genuss“, sagt Katja Wegerich vom Info-Service der deutschen Markeneishersteller.

Das hat auch Francesco Da Forno festgestellt, der mit seinem Bruder Daniele die älteste Eisdiele Deutschlands betreibt. Seit 1915 verkauft die Familie ihr Eis in Düsseldorf. „Keine Pulver, keine Farbstoffe – nur Naturprodukte“, sagt der 53-Jährige.

Das Geschäft laufe gut. Zu ihm kommen auch viele Stammkunden. Vor Jahren nahm einer eine Riesenportion mit. Nach Athen. Tiefgefroren. Als süße Grüße aus dem Rheinland.

Derweil ist Rummel wieder mit dem Mini on tour. Sein Wagen war früher – echt fett – ein rollender Würstchengrill.

Wilfried Hennes, Christina Schenk

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