Währungsunion

„Gewaltiger Nutzen aus dem Euro“


Wie kann man in Zeiten wie diesen noch ein Anhänger der Währungsunion sein? Hier wird es begründet

Die Hilfspakete für Südländer werden sich im Rückblick als „vernünftig und angemessen“ herausstellen, sagt Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

AKTIV: Was ist, mit Blick auf den Euro, für das Jahr 2017 das wahrscheinlichste Szenario?
Hüther:
Europa wird sich den Euro nicht nehmen lassen. Wir werden auch in fünf Jahren mit dieser gemeinsamen Währung in die Zukunft blicken. Und besser dastehen als heute.

AKTIV: 55 Prozent der Deutschen sehnen sich laut Umfrage „ARD-Deutschlandtrend“ nach der D-Mark: Die, sagen sie, hätte man besser behalten.
Hüther:
Die Rückkehr zu einer eigenen Währung, die von manchen selbst ernannten Experten derzeit so locker besprochen wird, wäre mit gravierenden Konsequenzen verbunden. Schon die Übergangsphase hätte dramatische Turbulenzen auf den Kapitalmärkten zur Folge und würde die deutsche Wirtschaft schwer beschädigen. Die Investitionen würden einbrechen. Im Vergleich zu dem, was da ablaufen würde, war die Krise der Jahre 2008 und 2009 ein Frühlingsspaziergang.

AKTIV: Das hieße also, wir behalten den Euro nur aus Furcht, nicht aus Überzeugung?
Hüther:
Nein. Wenn wir nur defensiv denken und jeden Cent, den wir für die Lösung der Euro-Krise investieren, jammervoll begleiten, dann sollten wir es vielleicht besser lassen. Ich glaube, es ist jetzt eine Führungsaufgabe der Politik, der Masse der Bevölkerung eine ökonomische Tatsache nahezubringen.

AKTIV: Nämlich?
Hüther:
Ein erheblicher Teil unseres heutigen Wohlstands hat mit dieser währungspolitischen Absicherung zu tun. Wir ziehen unter dem Strich einen gewaltigen Nutzen aus dem Euro. Nur ein Beispiel: Deutschland verkauft dreimal so viel nach Spanien, Frankreich und Italien wie nach China und Indien. Zugleich sichert der Euro auch den Export nach Übersee ab.

AKTIV: Braucht man, um für den Euro zu sein, das Hilfsargument aus dem politischen Raum? Also den Verweis auf die leidvolle europäische Geschichte und die Überhöhung der Währung als Garant für Frieden und Völkerfreundschaft?
Hüther:
Das ist durchaus gewichtig. Aber man braucht diese Ebene nicht, um jetzt sehr eindringlich für das Festhalten am Euro zu werben. Wenn Europa in der globalen Struktur der Wirtschaftsmächte, mit den beiden Polen Nordamerika und Ostasien, erfolgreich mitspielen will, dann wird das nur mit gemeinsamer Währung gehen.

AKTIV: Also nach vorne schauen und weiter so?
Hüther:
Die Währungsunion durchläuft in diesen Monaten einen einschneidenden Lern- und Korrekturprozess. Es ist offenkundig, dass es Lücken im Regelwerk gab. Der europäische Rettungsfonds ESM und der Fiskalpakt, mit dem sich die Euro-Länder zu solider Haushaltspolitik verpflichten, schließen diese Lücken zu einem erheblichen Teil. Dadurch sind wir robuster aufgestellt.

AKTIV: Aber zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Wenn Griechenland kippt – was kostet das den deutschen Steuerzahler?
Hüther:
Alles in allem reden wir von 85 Milliarden Euro, die für die Bundesrepublik im Feuer stehen. Dieses Geld wäre dann fällig, wenn wir alle Forderungen Richtung Griechenland abschreiben müssten. Aber dazu wird es garantiert nicht kommen.

AKTIV: Wieso nicht?
Hüther:
Weil ein Land, das gar nichts mehr zurückzahlt, auf Jahrzehnte kein neues Geld bekäme. Selbst im Fall Argentinien, der vor einem Jahrzehnt hohe Wellen schlug, fand man in langwierigen Umschuldungsverfahren einen Kompromiss. Im Übrigen stehen möglichen deutschen Verlusten ja längst sehr handfeste Ersparnisse gegenüber: Allein der Bund hat von 2009 bis 2011 rund 45 Milliarden Euro gespart, weil die Euro-Krise die Verzinsung der Staatsanleihen auf Rekordtief drückte.

AKTIV: Und Spanien? Italien? Was macht Sie so sicher, dass Europa da heil rauskommt?
Hüther:
Weil Griechenland ganz klar ein Sonderfall ist. Spanien, Italien und auch Portugal sind Länder, die politisch funktionieren. Sie stehen zwar vor einem Strukturproblem, aber das können sie bewältigen. Selbst wenn Griechenland wirklich aus dem Euro austritt: Sofern wir die Mittel des Rettungsfonds nutzen, um die Banken in den Südländern zu stabilisieren, bleiben die Ansteckungseffekte überschaubar.

AKTIV: Der ESM-Topf ist mit 800 Milliarden Euro ausgestattet. Können Sie nachvollziehen, dass den Leuten da schwindelig wird?
Hüther:
Natürlich. Aber ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass die Risiken, die wir hier absichern, nicht wirklich zu Buche schlagen werden. Die Vorstellung, da werde massenhaft Geld verbrannt, ist falsch. Bisher hat der deutsche Steuerzahler in der Euro-Krise keinen einzigen Cent verloren – und wenn er in ein paar Jahren zurückschaut, wird er diese Brandmauer als vernünftig und angemessen empfinden.

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Schlagwörter: Export Wohlstand

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