Standpunkt

Geschröpft und abkassiert


Falsches Denken über Preise für Arbeit und Sprit

Für die Groschenpresse ist es stets ein schönes Aufregerthema. Just zu Ferienbeginn zieht der Spritpreis an – und die „Wut“ der Autofahrer. Bemerkenswert: Die meisten von ihnen sind auch Arbeitnehmer – und halten alljährliche (und anders als der Spritpreis nachhaltige) Lohnerhöhungen für ihr bestes Recht.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Beim Sprit wie bei der Arbeit stellt sich die Frage, wovon der Preis abhängt. Dass er bei Nachfragespitzen steigt, sollte als normal gelten. Den Mineralöl-Konzernen ist nur dann ein Vorwurf zu machen, wenn sie freie Kapazitäten zurückhalten, um von sich aus den Preis zu treiben. Das läuft nicht ohne zumindest stillschweigende Abstimmung, und dagegen sind die staatlichen Wettbewerbshüter im Kartellamt da. Gegen sie muss sich die GroschenblattWut vor allem richten, sofern sie berechtigt ist.

Anders bei Lohn-Erhöhungen. Die finden auch bei Massenarbeitslosigkeit statt, also an der Nachfrage vorbei. Weil die Gewerkschaft mit Streik drohen kann: mit eben jenem abgesprochenen Zurückhalten von Kapazitäten, das den Tankstellenketten zu Recht untersagt ist.

Arbeitnehmer, auch nicht-organisierte, pflegen das für angemessen zu halten: „Weil der Arbeitgeber sonst nicht zahlt, was er kann.“ Ihren Lohnanspruch bemessen Arbeitnehmer insofern nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit des Zahlungspflichtigen. Wie der Staat seinen Steuer-Anspruch. Nur an der Tanke wird man „geschröpft“ und „abkassiert“. Ganz stimmig ist das nicht.

Ähnlich wie der Fiskus bei der Unternehmensbesteuerung sind auch Gewerkschaften an einer gewissen Nachhaltigkeit interessiert: Das Gesamtaufkommen soll steigen, es dürfen zwar einzelne Unternehmen Arbeitsplätze abbauen oder ganz baden gehen, aber nicht zu viele. Und die Wettbewerbshüter? Sie sind durch Verfassungs- und Arbeitsgerichtsbarkeit daran gehindert, gegen Absprachen zum Zurückhalten von Arbeitskapazität einzuschreiten.

Die Folge ist aber, dass Produktivitätszuwächse oft sofort verteilt werden. Statt Extra-Gewinne zu erzeugen – die prompt neue Konkurrenten auf den Plan rufen, das Angebot vergrößern und letztlich den Preis für den Verbraucher drücken. Dieser Mechanismus ist ja das eigentlich Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft. Er funktioniert umso weniger, je mehr die Betriebe in Tarifrunden unter Streikdrohung abkassiert werden.

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