Kartenlegen & Co.

Geschäfte mit dem Aberglauben


Verheißung gegen Geld: Eine Stunde kann schnell 100 Euro kosten. Foto: Roth

Deutsche Gerichte schlagen sich mit einem obskuren Thema rum

Stuttgart. Wahrsager, Kartenleger & Co. blicken gespannt nach Stuttgart: Das dortige Oberlandesgericht soll bald ein für die Praxis der obskuren Zunft entscheidendes Urteil sprechen.

Dabei geht es nicht um den kleinen Schein, den man bei der Frau mit der Glaskugel auf dem Rummelplatz verjuxt. Es geht um 6.723,50 Euro. So viel fordert eine Kartenlegerin von einem Kunden für Leistungen in nur einem Monat! Vor allem: Kartenlegen. Und auch mal ein Kerzen-Ritual.

Der Kunde steckte nach Beziehungsproblemen tief in der Krise. Die selbstständige Kartenlegerin versprach ihm auch den „Einsatz ihrer ,Energie’, um ihn bei seiner Partnersuche zu unterstützen“ – so der Bundesgerichtshof (BGH), der sich mit dem Fall befasst hat. Und ihn den Stuttgarter Richtern zurückgab: Die sollen nun prüfen, ob die Frau etwa eine Zwangslage des Kunden ausgenutzt hat. Denn dann wäre der Vertrag sittenwidrig – und damit nichtig.

Im Prinzip aber, so die Bundesrichter, gilt eine Hokuspokus-Rechnung! Die von der Kartenlegerin versprochene Leistung ist zwar laut BGH „objektiv unmöglich“ (Aktenzeichen: III ZR 87/10). Wer das aber weiß und „im Rahmen der Vertragsfreiheit“ trotzdem so einen Service bestellt – der muss ihn auch bezahlen.

„Lebensberater“ darf sich jeder nennen

Prominenter Kritiker der Geschäfte mit dem Aberglauben ist Michael Kunkel. Er engagiert sich in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (www.gwup.de). Die Sache mit der Vertragsfreiheit findet er aber in Ordnung: „Wir geben ja für viel Unsinn Geld aus“, sagt er trocken.

Was sind den Bundesbürgern halbseidene Blicke in die Zukunft wert? Milliarden? Wie viele Zeitgenossen profitieren davon? Niemand weiß das, amtliche Statistiken versagen. „Geprüfter Astrologe“ oder „Lebensberater“ darf sich ja jeder nennen, einfach so.

„Ich bin seit Jahren auf der Suche nach belastbaren Zahlen“, sagt Kritiker Kunkel, „die Branche ist sehr zerfasert und lässt sich ungern in die Karten gucken.“

Einen Anhaltspunkt gibt die Firma Questico, zu der der Sender Astro-TV gehört. Gut 100 Millionen Euro Jahresumsatz peilt der „internationale Marktführer im Bereich der alternativen Lebensberatung“ an – so Questico gerade selbst in einer Stellenanzeige.

Die Zahl allein der Sterndeuter im Lande schätzt Christoph Schubert-Weller, Vorsitzender des Deutschen Astrologenverbandes, auf etwa 6.000. Ihre Stundensätze für „grenzgebietliche Leistungen“ lägen bei 50 bis 150 Euro. Das passt zu den etwa 2 Euro pro Minute, die Anrufe bei Hellseher-Hotlines kosten.

Die extrem hohe Rechnung der Kartenlegerin lässt für Schubert-Weller aber nur einen Schluss zu: „Sie hat ihren Klienten abhängig gemacht – das darf nicht passieren.“ Das sieht Susanne Zitzl auch so, die Vorsitzende des Tarot-Verbandes. „Auch Glücksversprechen können süchtig machen“, weiß sie, „dieser Fall wirft ein schlechtes Licht auf uns.“

Wie entscheiden nun wohl die Stuttgarter Richter? Prophezeiungen dazu sind der Redaktion bisher nicht bekannt.

lWer in einer Krisensituation nicht weiter weiß, kann sich rund um die Uhr gratis beraten lassen: Die Telefon-Seelsorge erreicht man unter den Nummern 0800-1110111 und 0800-1110222. Die Berater helfen auch per Chat und E-Mail.

www.telefonseelsorge.de

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang