Alternde Gesellschaft

Geschäft mit Zukunft: Was Haushaltsauflöser so alles erleben

Siegen. Rein ins Reihenhaus und schwer bepackt wieder raus: Seit Stunden schuften die beiden Männer in der Sommerhitze, dass der Schweiß nur so rinnt. Während Sandor Kovacs, ein Mann mit großen Tattoos, eine Garderobe mit Gobelinstoff in den Laster am Straßenrand hievt, wuchtet Daniel Krause eine schwere Kiste aus dem Haus. Und ruft seinem Kumpel zu: „Wann machen wir Pause?“ Pause? Kleiner Scherz! Die beiden sind schließlich so richtig in Fahrt.

Betriebsamkeit draußen vor der Tür – Stille dahinter. Der Schreibtisch in der Wohnung sieht aus, als wäre er gerade erst verlassen worden. Doch der Mann, der ihn benutzte, ist schon seit Monaten tot.

Kovacs und Krause malochen bei einem professionellen Haushaltsauflöser, der Firma Ralf Traum im westfälischen Siegen. Wenn ein Mensch stirbt oder ins Altersheim umzieht, rückt oft der Trupp des Betriebs aus und macht Putz vom Keller bis zum Dach.

Der Markt für Räumungsprofis wächst, denn Deutschland altert. Immer weniger Menschen haben Angehörige, die sich um die Hinterlassenschaften kümmern können. Schon heute leben hierzulande 4,3 Millionen Menschen, die 80 Jahre oder älter sind. Im Jahr 2050, so eine Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamts, werden es 10,2 Millionen sein.

Angehörige sollten unbedingt einen Festpreis vereinbaren

In der verlassenen Küche des Siegener Häuschens sieht sich Firmeninhaber Ralf Traum um: „Wir machen die Wohnung besenrein für den Verkauf“, sagt der gelernte Holzfäller mit den dicken Pranken. Der Schriftzug auf einem Bierkrug verrät, dass der einstige Bewohner Dieter hieß. 90 Jahre war er alt, als er vor wenigen Monaten ins Seniorenheim kam und kurz danach starb. Seine Kinder wollen die Immobilie mit dem typischen Charme der 70er und dem verkrauteten Garten nicht haben.

Neben seriösen Anbietern wie Traum tummeln sich auch zwielichtige Gestalten in der Branche. Denn Haushaltsauflöser ist kein geschützter Beruf wie Elektriker oder Installateur. Traum, seit 15 Jahren im Geschäft, rät daher: „Holen Sie unbedingt mehrere Angebote ein, bevor sie jemanden beauftragen. Und auf jeden Fall einen Festpreis vereinbaren.“ Sagt’s und greift erneut zum Handy, das sich schon wieder meldet. Er kommt mit den Aufträgen kaum nach. Und das, obwohl seine Frau Kinga mithilft und er 32 Mitarbeiter beschäftigt. Pro Jahr schafft sein Trupp 500 Auflösungen: Dabei müssen 2.500 Tonnen an Möbeln, Teppichen, Haushaltsgeräten und anderen Sachen abtransportiert werden.

Sparbücher mit halber Million entdeckt

Mit der Axt durchs Haus und alles in den Container? Für Traum und sein Team ein Tabu. Respektvoll gehen sie ans Werk, wie ein Umzugsunternehmen.

Auch in diesem Fall: Noch bevor die beiden kräftigen Jungs loslegten, hat Kinga Traum Geschirr und Gläser in Kartons gepackt. Persönliche Wertsachen und Papiere wurden längst den Angehörigen ausgehändigt.

Er versuche, so viel wie möglich zu erhalten, sagt Unternehmer Traum: „Ein komplettes Leben einfach wegschmeißen, das widerstrebt mir.“ Die Einbauküche ist noch gut in Schuss, ebenso die Waschmaschine. Sie wird er später in seinem eigenen Gebrauchtwarenhaus anbieten. Einen Teil vom Verkaufserlös zieht er den Auftraggebern, hier sind es die Kinder des Verstorbenen, anschließend von der Rechnung ab.

Sein Beruf, sagt Traum, habe viel mit Vertrauen zu tun. Einmal fanden seine Leute zum Beispiel drei Sparbücher mit insgesamt einer halben Million Euro drauf. Sie klebten unter der Schublade eines Schreibtischs. Ein anderes Mal fischten die Männer ein Testament aus der Waschmaschine.

Überstunden gehören zum Job

Zuweilen ist der Job bombig: So stießen die Wohnungsauflöser mal auf eine großkalibrige Panzergranate aus dem Zweiten Weltkrieg; der Verstorbene hatte sie im Keller abgelegt. Da musste erst der Kampfmittelräumdienst ran.

Heute kloppt Traums Mannschaft erneut Überstunden. „Es wird mal wieder spät“, sagt der Chef. Derweil wuchtet sein Mitarbeiter Daniel Krause weitere Kartons und den klobigen Röhrenfernseher in den Laster. Für ein Viertelstündchen allerdings war er zwischendurch nicht zu sehen. Hat sich wohl doch mal ’ne Pause gegönnt ...


    Hintergrund:

    Quelle: Statistisches Bundesamt
    Quelle: Statistisches Bundesamt

    Seniorenheim Deutschland

    • Gegenüber heute wird nach einer Prognose des Statistischen Bundesamts die Zahl der Menschen ab 80 Jahren hierzulande deutlich steigen – bis 2050 um fast 140 Prozent auf 10,2 Millionen. Danach geht sie wieder zurück.
    • Derzeit ist jeder 19. Deutsche in diesem Alter, 2050 wird es jeder siebte sein.
    • In Deutschland können 2,5 Millionen Menschen nicht mehr alleine leben. 30 Prozent der Pflegebedürftigen werden im Heim versorgt.

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