Standpunkt

Gerechtigkeit oder Solidarität

Zur Schieflage im Binnverhältnis von uns Deutschen

Was bei dieser Bundespräsidentenwahl Joachim Gauck war, im Prinzip der richtige Mann zur rechten Zeit, das wäre 1994 Alfred Dregger gewesen.

Der CDU-Mann fürs Nationalkonservative hatte sich einige Monate vor der Wende als Fraktionschef der Union im Bundestag gegen das Aufweichen des Wiedervereinigungsziels durch die Parteizentrale gestemmt. Wie keiner sonst hätte er nun, fünf Jahre nach dem Mauerfall, als Staatsoberhaupt Ossis und Wessis zusammenführen können.

Für Dregger war der Aufbau Ost eine Sache der nationalen Gerechtigkeit. Die Klarstellung hätte hilfreich sein können, dass alles, was aus den alten für die neuen Länder getan wurde und wird, dem Grunde nach der in unserer deutschen Schicksalsgemeinschaft fällige Lastenausgleich ist – für um vier harte Jahrzehnte verlängerte Kriegsfolgen. Der damalige Kanzler Helmut Kohl formulierte es, aus Furcht vor Anspruchsdenken, eine Nummer kleiner: Er sprach von „nationaler Solidarität“.

Dieser feine Unterschied zwischen (aufzubringender) Solidarität und (gebotener) Gerechtigkeit erklärt viel von der anhaltenden Schieflage im Binnenverhältnis von uns Deutschen: Mit Recht will kein Ostdeutscher für den Wohlstandszuwachs, den er seit der Wiedervereinigung erfahren hat, dem Westen „dankbar“ sein müssen.

Diesmal nun wäre Joachim Gauck der richtige Mann gewesen, an dieser wichtigen Stelle heilsam zu wirken und der Ostalgie-Nörgelei den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie ist nur begrenzt harmlos, denn sie wird aus­geschlachtet. Die SED-Nachfolgepartei kann an Spree­gurken- und Trabi-Erinnerungen anknüpfen, an die Rückschau auf jüngere Jahre überhaupt, um den totalitären Staat insgesamt zu verklären.

Besinnung auf die Jahrzehnte, die man in Freud und Leid hinter sich gebracht hat, ist immer privat und schöngefärbt. In der alten Bundesrepublik konnte das zum Glück nie eine Partei politisch verwursten – aber dort hatte man ja auch „nur“ zwölf Jahre braunen Spuk hinter sich, nicht auch noch 44 Jahre sowjet-roten.

Was auch im Unrechtsstaat noch schön war, weil es eben das private Leben war: So klar wie kaum ein anderer kann Joachim Gauck dies vom allfälligen Dazwischenfunken des Unrechtstaates unterscheiden. Es wäre gut gewesen, wenn er diese unbeirrbare Unterscheidungskraft von Schloss Bellevue aus hätte ausüben können. Schade eigentlich.


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