Metall und Elektro

Ganz schön verwickelt


In der Tarifrunde geht es nicht nur ums Geld – das macht eine rasche Einigung schwierig

Während der Krise war alles ganz einfach: Angesichts des dramatischen Einbruchs der Produktion standen Arbeitgeber und Gewerkschaft in der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) eng zusammen. Schnell und geräuschlos schnürten sie vor zwei Jahren ein Tarifpaket, das dann half, Hunderttausende Arbeitsplätze zu sichern – und den Mitarbeitern trotzdem ein reales Lohnplus bescherte.

„Lehrstellen-Angebot würde sinken“

Am Samstag laufen die damals vereinbarten Entgelt-Tarifverträge aus. Und dieses Jahr ist die Lage viel verwickelter. Weil die IG Metall in Sachen Geld erstmals auch eine Nachschlagsdebatte führen möchte – und weil es zwei zusätzliche Themen gibt: Zeitarbeit und Ausbildung.

Der IG Metall sind diese drei Punkte sogar gleich wichtig: „Im Zweifel werden wir einen Konflikt um alle drei Themen führen“, drohte der Gewerkschaftsvorsitzende Bertold Huber an.

Ausbildung

Nach bestandener Prüfung sollen Azubis Anspruch auf unbefristete Übernahme haben. Bisher sind schon zwölf Monate tarifvertraglich garantiert. „Aber die Praxis zeigt: Das reicht nicht aus, um jungen Leuten Perspektiven zu geben“, behauptet die IG Metall.

Tatsächlich? Laut Gesamtmetall bekommen drei von vier M+E-Azubis einen unbefristeten Vertrag im Ausbildungsbetrieb (entweder sofort oder nach der Jahresfrist). Wer nicht bleibe, der wechsle oft freiwillig in eine andere Firma oder ins Studium.

Und für Forscher ist klar: „Eine unbefristete Übernahmegarantie würde kontraproduktiv wirken – das Angebot an Lehrstellen würde sinken.“ Das sagt Günter Walden vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn voraus. Bestätigt wird er von zwei aktuellen Verbandsumfragen unter den süddeutschen Metall- und Elektro-Betrieben: Demnach würde die geforderte Übernahmepflicht 10 bis 15 Prozent der Lehrstellen kosten.

Ob die Gewerkschaft dann noch die Chancen „benachteiligter Jugendlicher“ verbessern könnte? Wohl kaum. Aber genau das hat sie ebenfalls gefordert. Und hier liegt ja auch das eigentliche Problem: Etwa jeder fünfte Jugendliche eines Jahrgangs ist noch nicht ausbildungsreif, weil er die Schule ganz ohne Abschluss oder mit miesem Zeugnis verlässt.

Darauf reagieren die Firmen aber schon längst, etwa in Nordrhein-Westfalen: „Wir haben das Anforderungsniveau gesenkt und erhöhen die Ausbildungsreife durch Fördermaßnahmen“ – das bestätigte dort schon im Herbst jeder zweite befragte M+E-Betrieb.

Zeitarbeit

Über dieses Reizthema hat AKTIV ja schon oft berichtet (gebündelt zu finden unter www.aktiv-online.info/zeitarbeit-archiv). Seit Februar verhandelt die IG Metall mit den Zeitarbeitsverbänden über eine bessere Bezahlung zum Beispiel durch Branchenzuschläge.

Nach dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg stellen Zeitarbeiter 6 Prozent aller Arbeitskräfte in M+E-Betrieben. Werde nun der flexible Einsatz dieser externen Kräfte teurer, müsse das durch mehr interne Flexibilität ausgeglichen werden, forderte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. Etwa dadurch, dass mehr Mitarbeiter der Stammbelegschaft 40 Stunden pro Woche arbeiten dürfen (aktuell vereinbart ist eine Quote von 18 Prozent der Beschäftigten).

Ob die Gewerkschaft darüber mit sich reden lässt? Laut „Financial Times Deutschland“ wäre es sinnvoll: „Starre Vorgaben bei der Arbeitszeit sind in einer krisengeprägt schnell atmenden Branche nämlich antiquarisch.“

Die IG Metall hat auch eine direkte Forderung an die M+E-Branche: Die Betriebsräte sollen über Dauer, Einsatz und Umfang von Leiharbeit mitbestimmen. Viele Arbeitgeber sehen das (wie auch die Idee der verpflichtenden Azubi-Übernahme) als Angriff auf die unternehmerische Autonomie. Erstmals seien deshalb Firmen schon vor Beginn der Verhandlungen aus dem Tarifverband ausgetreten, meldete Südwestmetall in Stuttgart.

Entgelt

6,5 Prozent mehr Geld hat die IG Metall verlangt. Ein Angebot der Arbeitgeber gab es bei Redaktionsschluss noch nicht. Ihr Vorwurf: Aus den üblichen Kennziffern (Produktivität und Inflation) ergeben sich nur knapp 3 Prozent mehr. „Für die restlichen 3,5 Prozent gibt es keine belastbare Grundlage“, betonte Kannegiesser.

Laut den im März vorgelegten Prognosen erwartet das Institut für Wirtschaftsforschung Halle 1,3 Prozent Wachstum für 2012, das Institut für Weltwirtschaft Kiel nur 0,7 Prozent.

Vor überzogenen Vorstellungen warnte jedenfalls sogar VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh: „Für Kunden ist das Preis-Leistungs-Verhältnis wichtig“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa, „da können wir uns nicht mit zu hohen Preisen aus dem Wettbewerb verabschieden.“

Nun haben ja VW und andere Autobauer gerade erst für Schlagzeilen gesorgt, weil sie ihre Mitarbeiter mit Rekordprämien am glänzenden Ergebnis des Vorjahres beteiligen. Andererseits hat laut Gesamtmetall jedes fünfte M+E-Unternehmen 2011 gar keinen Gewinn gemacht! Der neue Tarifvertag soll aber allen Betrieben gerecht werden ...

Wie gesagt: Die Lage ist schon ziemlich verwickelt.

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