Interview

Für Arbeitsplätze gibt es keinen Vollkaskoschutz


Gerhard Schäferkord vom Arbeitgeberverband Chemie B.-W. über die Herausforderungen der Branche

Die Chemie wächst wieder, aber die Sorge um die Jobs bleibt und bestimmt die Tarifrunde 2010: Kann man die Stellen sicherer machen? Ist da mehr Lohn  drin? AKTIV fragte Gerhard Schäferkord, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Baden-Württemberg.

AKTIV: Ganz oben auf der Wunschliste der Gewerkschaft stehen sichere Arbeitsplätze. Muss dafür nicht mehr getan werden?

Schäferkord: Beschäftigungssicherung ist gelebte Realität in der Chemie, obwohl Produktion und Umsatz in der Krise um bis zu 30 Prozent eingebrochen sind. Unsere Unternehmen haben nur in Notfällen Stellen abgebaut und ihre Belegschaften im Wesentlichen gehalten. Aber eine Garantie auf Arbeitsplätze können wir nicht geben.

AKTIV: Warum blocken die Arbeitgeber da?

Schäferkord: Die Belegschaften zu halten, hat die Firmen viel Geld gekostet – Entgelt, Sozialbeiträge, Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld. Das alles floss bei minimaler Auslastung der Anlagen. Sicher sind Arbeitsplätze aber nur, wenn sie wettbewerbsfähig sind. Deshalb gibt es da keinen Vollkaskoschutz.

AKTIV: Inzwischen geht es aber wieder aufwärts in der Chemie.

Schäferkord: In der Tat schauen wir vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Aber wir beginnen gerade den Wiederaufstieg aus der tiefsten Krise der letzten Jahrzehnte. Es wird Jahre dauern, bis wir wieder auf dem Niveau von vor der Rezession angekommen sind.

AKTIV: Die Umsätze wachsen allerdings mit Raten von 10 Prozent zum Vorjahr.

Schäferkord: Aber von welchem Niveau aus? Schauen Sie: Es ist wie bei einem Sprinter, der sich das Bein gebrochen hat. Wenn er nach der OP die ersten 20 Meter wieder gehen kann, dann ist das ein riesiger Fortschritt im Vergleich zu vorher. Aber bis er die 100 Meter wieder in 11 Sekunden oder weniger schafft, das braucht seine Zeit.

AKTIV: Und was sagen Sie Mitarbeitern, die mit ihrem Lohnverzicht zur Genesung des „Patienten“ beitragen? Die Gewerkschaft fordert dafür ja mehr Lohn.

Schäferkord: Natürlich haben die Beschäftigten ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise geleistet, keine Frage. Doch hat das auch die Unternehmen viel Geld gekostet. Sie haben bei weniger Umsatz und Arbeit ihre Belegschaften gehalten. Das verringert ihre Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb sehen wir keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. Zudem gab es für die Mitarbeiter wie beim letzten Tarifabschluss vereinbart im Mai 2009 eine Entgelterhöhung um 3,3 Prozent.

AKTIV: Einige große Unternehmen schreiben auch jetzt schwarze Zahlen. So schlecht kann es nicht sein!

Schäferkord: Okay, die Ergebnisse sind besser als befürchtet. Aber besser als befürchtet, das ist noch längst nicht gut. So mancher kleine oder mittlere Betrieb kämpft um seine Existenz. Besonders die Hersteller von Lacken und Farben sowie die Verarbeiter von Gummi, Kautschuk und Kunststoff haben es in ihren industriellen Zielmärkten zurzeit schwer.

AKTIV: Und was ist in der Situation mit den Azubis? Die IG BCE fordert Übernahmegarantien.

Schäferkord: Azubis sind die Zukunft der Branche. Jetzt in der Krise haben sich die Firmen bei den Lehrstellen schwer getan. Dennoch halte ich nichts von Übernahmegarantien. Ausbildung braucht Engagement und Überzeugung. Die kann man nicht erzwingen. Wir sollten pfiffige und kreative Lösungen suchen. Auf jeden Fall erscheinen mir Anreize besser als Zwang.

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