Interview

„Fünf Jahre Aufschwung“


Es ist nicht nur die Konjunktur, sagt Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Nach dem Schwung der letzten Monate hat sich die Konjunktur etwas beruhigt: Das Geschäftsklima hat sich wieder leicht abgekühlt, die Produktionsentwicklung von Industrie und Bauwirtschaft zeigt eine Delle. AKTIV sprach mit Professor Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), über die mittelfristigen Perspektiven.

Mehr Wachstum, mehr Aufträge, mehr Jobs – geht das so weiter?

Hüther: Wir erwarten für dieses Jahr 2,5 Prozent und für das nächste Jahr 2,2 Prozent Wirtschaftswachstum. Damit verbindet sich ein anhaltender Aufbau von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Und die etwas schwächere Prognose für 2008 bedeutet kein Ende der Aufwärtsbewegung, sondern bloß eine Verschnaufpause.

Woran liegt es denn, dass es so gut läuft?

An vier Gründen. Erstens wächst die Weltwirtschaft seit 2004 mit dem enormen Tempo von 5 Prozent im Jahr. Deutschland, als führender Hersteller von Investitionsgütern, profitiert davon mehr als andere Industrieländer. Ohne diesen historisch beispiellosen Auftragsboom aus dem Ausland ginge es uns nicht so gut.

Zweitens zahlt sich jetzt die Fitnesskur unserer Unternehmen aus. Sie haben sich seit der Jahrtausendwende systematisch neu aufgestellt, Verfahren und Produkte erneuert.

Drittens haben wir schon seit 1997 eine moderate Lohnpolitik: Der Verteilungsspielraum, der durch den Produktivitätsfortschritt entsteht, wurde nicht ganz ausgeschöpft. Dadurch können die Firmen günstiger produzieren, sind preislich wettbewerbsfähiger.

Und viertens hat der Staat geholfen: Der Anteil der Steuern und Abgaben an der Wirtschaftsleistung ist gesunken.

Aber wenn die Party der Weltwirtschaft abrupt zu Ende geht?

Es ist nicht zwangsläufig so, dass nach dieser Party der Kater kommt. Wir haben Gründe für die gegenteilige Annahme. Für 2008 steht in den meisten Prognosen schon wieder 5 Prozent Wachstum. Die neue Dynamik der Weltwirtschaft hat damit zu tun, dass sich so viele Länder neu in die Marktwirtschaft integriert haben. Die internationale Arbeitsteilung hat eine ganz neue Qualität gewonnen.

Ist die Lohnpolitik noch „moderat“?

Der jüngste Abschluss im größten Industriezweig Metall und Elektro bringt für dieses Jahr bundesweit 3,3 Prozent Mehrbelastung. Nächstes Jahr sind es 2,7 Prozent, sofern die verabredete Möglichkeit genutzt wird, die zweite Stufe der Entgelterhöhung um vier Monate zu verschieben. Für viele Betriebe ist all das nicht leicht zu verdauen – aber insgesamt setzt sich damit die beschäftigungsorientierte Lohnpolitik fort. Man muss keine Horrorszenarien an die Wand malen und in Konjunkturpessimismus machen. Arbeitgeber und Gewerkschaften sind ihrer Verantwortung gerecht geworden.

Sie sind also auf Jahre hinaus zuversichtlich?

Wenn man alles zusammennimmt, ist es bei Weitem nicht nur die Konjunktur, die derzeit für Wachstum und neue Stellen sorgt. Es sind in nicht unerheblichem Maß positive Strukturveränderungen. Deshalb gibt es zwar keine Gewissheit, aber eine gute Chance, dass wir von dieser Entwicklung noch eine ganze Weile profitieren. Fünf Jahre Aufschwung in Deutschland, von 2006 bis 2010, sind nach der aktuellen Datenlage durchaus realistisch.

Gefährdet das starke Wachstum die Stabilität des Geldes?

Wir haben starke inflationäre Bewegungen an den sogenannten Faktormärkten: bei Rohstoffen, auch beim Faktor Arbeit, wo im Bereich der Hochqualifizierten Knappheiten entstehen. Aber dies schlägt nicht durch auf die Preise für Güter und Dienstleistungen. Das liegt an der neuen Dynamik der Weltmärkte, aber auch an der Geldpolitik der Zentralbanken. Das Schreckgespenst der Inflation, wie es in den 70er- und 80er-Jahren auftauchte, ist ganz und gar nicht in Sicht.

Artikelfunktionen


Schlagwörter: Konjunktur

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang