Anstieg der Lohnstückkosten schwächt die Wettbewerbsfähigkeit

Fünf Herausforderungen für den Industrie-Standort – und wie wir darauf reagieren müssen

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München. Jobwunder! Exportrekord! Innovationskraft! Also ois easy, oder? Nicht ganz: Unsere Industrie ist dabei, ein Stück ihrer Stärke zu verlieren – bei den Arbeitskosten.

1. Deutschland verliert an Boden

Ein Grund für das Jobwunder war eine noch moderate Tarifpolitik. Doch zuletzt lief es anders. 2013 lagen die Arbeitskosten je Produkteinheit, die Lohnstückkosten, ein Siebtel höher als 2007.

„Dieser Anstieg war doppelt so stark wie in vergleichbaren Ländern“, warnt Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), „unsere Wettbewerbsfähigkeit hat gelitten.“

Also: Die Tarifpartner brauchen Augenmaß.

2. Regierung macht Arbeit noch teurer

In jüngster Zeit wurden die Arbeitskosten durch politische Eingriffe weiter hochgetrieben. So wurde zur Finanzierung des teuren und rückwärtsgerichteten Rentenpakets die an sich fällige Entlastung beim Rentenbeitrag gestoppt. Er muss zudem in Zukunft stärker steigen als zuvor veranschlagt.

Schon ab 2015 steigt der Beitragssatz der Pflegeversicherung. Der Mindestlohn macht die Arbeitskraft vieler Menschen teurer, ohne ihre Produktivität zu erhöhen. Zudem plant die Regierung weitere teure Vorgaben für den Einsatz von Zeitarbeitnehmern. „Bedauernswert, dass das Erreichte gerade verspielt wird“, meint Professorin Isabel Schnabel, die zu den „Fünf Weisen“ im Sachverständigenrat der Bundesregierung gehört.

Also: Die Große Koalition muss auf den Teppich kommen.

3. Die Konkurrenz schläft nicht

So schmerzhaft die Schuldenkrise in Südeuropa war – sie gab den Anstoß für tiefgreifende Reformen, die die Industrie dort wettbewerbsfähiger machen werden. Die Lohnstückkosten in den EU-Krisenländern sind stark gesunken. In der Folge soll zum Beispiel Spaniens Exportvolumen bis 2019 um ein Drittel steigen, erwartet der Internationale Währungsfonds.

Hinzu kommt der Aufholprozess in Ost- und Mitteleuropa – in Tschechien etwa kostet eine Industrie-Arbeitsstunde rund 10 Euro. Und China sitzt uns ja schon seit langem im Nacken, hat Deutschland inzwischen als Exportweltmeister abgelöst.

Also: Alles vermeiden, was die Kosten bei uns weiter treibt.

4. US-Industrie spielt wieder mit

Wegen niedrigerer Kosten neue Standorte im Ausland aufbauen – dieses Motiv wird Umfragen bei Unternehmen zufolge wichtiger. Ganz oben auf der Ziel-Liste stehen, nach China, die USA. Nicht von ungefähr: Dort befeuern billiges Öl und Gas aus Schiefergestein, per Fracking gewonnen, derzeit ein Comeback der Industrie.

Es wird von der Regierung in Washington nach Kräften unterstützt – und sorgt inzwischen für Schlagzeilen in Deutschland. Beispiele: Das BMW-Werk in South Carolina wird zum weltgrößten Standort des Autobauers erweitert, für über 700 Millionen Euro. Und für noch mehr Geld baut womöglich der Chemiekonzern BASF an der Golfküste ein Propylenwerk.

Amerikas von billiger Energie getriebener Investitionsschub erfreut deutsche Maschinenbauer. Aber er führt auch zu neuer Konkurrenz.

Also: Unsere Energiewende ­bezahlbar machen.

5. Verlagern geht einfacher als früher

Die Gefahr ist also da, dass zunehmend Produktion ins Ausland abwandert. Laut Fraunhofer-Institut ISI in Karlsruhe ist das aktuell für jedes zwölfte Industrie-Unternehmen Thema – und der Anteil könnte abrupt steigen. „Unternehmen können schneller und flexibler reagieren als vor 20 Jahren“, warnt Wolfram Hatz, Chef der gleichnamigen Motorenfabrik in Ruhstorf (nahe Passau) mit rund 900 Beschäftigten.

So hätten viele Länder mit niedrigerem Lohnniveau in Sachen Infrastruktur aufgeholt, sagt Hatz. Auf einen überzogenen Lohnanstieg müsse man reagieren. „Und wie senken wir Kosten? Wir fertigen im Ausland.“

Also: Wir müssen so viel besser sein, wie wir teurer sind.


Hintergrund:

Gesamtwirtschaft in Deutschland; Quelle: Statistisches Bundesamt

Lohnstückkosten als wichtige Kennzahl

  • Wie wettbewerbsfähig ein Standort ist: Das zeigen die ­Arbeitskosten je Produkteinheit an – die sogenannten Lohnstückkosten. Allein die Entgelte in Euro und Cent sind ja nicht ausschlaggebend: Es kommt natürlich auch ­darauf an, wie produktiv die Mitarbeiter sind.
  • Die Daten für Deutschland zeigen seit 2007 unter dem Strich eine bedenkliche Entwicklung.
  • Der Ausschlag 2009 lag weniger an steigenden Kosten als an dem krisenbedingten vorüber­gehenden Einbruch der Produktion.

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Der Standort D verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Davor warnt eindringlich Alfred Gaffal, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Warum ihm steigende Arbeitskosten große Sorgen machen, lesen Sie hier.

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