Standpunkt

Frust-Kampagne

Der Kampf gegen „prekäre Jobs“ ist nicht so edel, wie viele denken

Versetzen wir uns doch mal in die Rolle eines „Vertrauensmannes“ der Gewerkschaft. Wir schauen beim neuen Kollegen vorbei, erkundigen uns, wie es sich so anlässt, signalisieren ein jederzeit offenes Ohr – und erzählen ein bisschen über die Vorteile einer Mitgliedschaft. Wir schieben noch einen Aufnahmeantrag rüber und sagen: „Kannst es dir ja mal überlegen.“

„Na ja“, meint der Neue. „Ob sich das bei mir lohnt? Reden wir vielleicht noch mal drüber, falls ich unbefristet übernommen werde.“

Schon etwas frustrierend, nicht wahr? Hier stoßen sich zwei Dinge im Raume: Kampf gegen jahrelangen Mitgliederschwund als strategische Vorgabe mit Höchstpriorität – und Zunahme „prekärer“ Beschäftigungsformen. Befristet Beschäftigte sind schwerer organisierbar und mobilisierbar als Arbeitnehmer mit festen vollen Stellen.

Nicht verwunderlich, dass man in Funktionärskreisen Kampagnen dagegen initiiert. Bei denen man – marketingmäßig logisch – nicht die organisationspolitischen Gründe nach vorne schiebt. Sondern lieber das Ausmaß „prekärer“ Beschäftigung und die Folgen für die Betroffenen in den schwärzesten Farben malt.

Der Anteil der befristeten Jobs ist seit 2001 von 6 auf 9 Prozent gestiegen. Damals, in der Ära von Rot-Grün, hat es die Regierung ganz bewusst einfacher gemacht, neue Mitarbeiter zunächst für bis zu zwei Jahre einzustellen. Eine Ursache für den enormen Beschäftigungszuwachs der letzten Jahre.

Wer das Bild kultiviert, immer mehr Leute stünden auf der Kippe, der müsste sich darüber wundern, dass die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in der gleichen Zeit gestiegen ist: von zehn auf elf Jahre.

Was nun die Befristung im größten Industriezweig Metall und Elektro angeht: Sie liegt unter 4 Prozent. Den Schnitt nach oben treibt unter anderem, mit über 12 Prozent, der öffentliche Dienst. Was die IG Metall nicht davon abhält, an vorderster Front gegen Befristung Stimmung zu machen.

Und das in bewährter Weise per Propagierung von Halbwahrheiten. Als schlimmer Trend wird mit Empörungsgestus vorgetragen, dass in den vergangenen zwei Jahren die Hälfte der Neueinstellungen in der Branche befristet erfolgte. Wohlweislich unter den Tisch fällt dabei, dass die Unternehmen 2009 (Krise) und 2010 (beginnender Aufschwung) bezüglich der weiteren Entwicklung noch unsicher waren.

Und dass bisher schon sechs von zehn Betroffenen unbefristet übernommen wurden.


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