Frischer Wind für Helgoland


Wie Offshore-Windparks den „Fuselfelsen“ auf Touren bringen sollen

Das Leben von Ingrun Lösekann ist ein einziges Auf und Ab. Rein beruflich zumindest. Lösekann steuert das einzige öffentliche „Verkehrsmittel“ der Insel Helgoland: einen Fahrstuhl, der das „Unterland“ mit einem höher gelegenen Dorfteil verbindet. „Guten Tag, 65 Cent“, sagt Frau Lösekann zu Insulanern und Touristen, dann geht’s hinab und hinauf, tagein und tagaus, 38 Stunden in der Woche macht sie das.

Anlagen, so hoch wie der Kölner Dom

Die ewige Berg- und Talfahrt von Frau Lösekann – sie ist fast sinnbildlich für ganz Helgoland. Einst idyllische Fischerinsel, nach dem Krieg englischer Bombenabwurfplatz. Später Mekka für Tagesgäste, bis die zollfreien Schnaps shoppende Meute dem Eiland das Stigma vom „Fuselfelsen“ einhandelte.

Zuletzt sorgte die Insel mit Landaufschüttungsplänen für Schlagzeilen. Per Bürgerentscheid schmetterten die Einwohner das Vorhaben ab – „zu viel Veränderung“.

Trotzdem: Jetzt soll es endgültig aufwärtsgehen mit Helgoland! Und das quasi durch das Einzige, was man hier draußen, 70 Kilometer vom Festland entfernt, außer Wasser wirklich genug hat: Wind! Wind! Wind!

Denn: Helgoland will ganz vorn mitsegeln beim großen Geschäft rund um die Energiewende. Die Insel will sich als logistischer Brückenkopf für die Betreiber von Offshore-Windparks in der Nordsee unentbehrlich machen.

Etwa 240 Windmühlen, jede davon so hoch wie der Kölner Dom, werden sich schon in ein paar Jahren vor Helgolands Küste drehen. Für deren Wartung braucht es Menschen und Material. „Beides täglich vom Festland hinaus ins Meer zu karren ist teuer. Und dauert!“, sagt Ursula Prall vom Offshore Forum Windenergie in Hamburg. „Helgoland hat als Hochsee-Insel da einen riesigen Standortvorteil.“

Das sieht man auch bei RWE-Tochter Innogy so. Das Essener Unternehmen wird noch in diesem Jahr mit dem Bau des Parks „Nordsee Ost“ beginnen, 30 Kilometer nördlich von Helgoland gelegen.

48 Windräder sollen zukünftig Strom für 310.000 Haushalte liefern. „Und Helgoland wird unser Service-Stützpunkt für Wartung und Betrieb“, so Innogy-Sprecher Konrad Böcker. „Je näher wir dran sind an den Parks, desto flexibler kann man agieren!“

Gleiches hört man beim Energieriesen Eon, der 2013 seine Windfarm vor der Insel ins Meer stampfen will. „Dafür brauchen wir einen Hafen, von dem wir jederzeit schnell rauskönnen, wenn es das Wetter erlaubt“, sagt Sprecher Christian Drepper. „Das soll Helgoland sein.“

Ende 2011 kommen die ersten Monteure

Die Windpark-Firmen sind scharf auf Helgoland. Und Helgoland ist scharf auf die Windpark-Firmen.

Allen voran Jörg Singer. Helgolands Bürgermeister, blassrosa Krawatte mit farblich passenden Manschettenknöpfen, sitzt in seinem Büro und rotiert beim Thema Windenergie förmlich vor Begeisterung. „Offshore ist eine Mega-Chance, wir rechnen mit rund 130 neuen Top-Arbeitsplätzen, und das für die nächsten Jahrzehnte.“

Angesichts der etwa 150.000 bundesweiten Jobs, die die Deutsche Energie-Agentur im Offshore-Sektor bis 2030 für realistisch hält, klingt das eher niedlich. „Aber unsere Einwohnerzahl hier draußen steigt schlagartig um 10 Prozent“, sagt Singer.

Deshalb werden sie handeln auf der Insel, in Windeseile: „Wir werden den Hafen ertüchtigen, Platz für Hallen und Büros schaffen, Wohnraum für Mitarbeiter der Betreiber und Fremdfirmen bereitstellen“, so Singer.

Viel Zeit haben sie nicht: „Ende des Jahres kommen ja schon die ersten Windpark-Monteure.“ Insgesamt wird Helgoland über 20 Millionen Euro für die Windenergie rausblasen, die Investition soll die ganze Insel beflügeln.

„Das ist unsere Zukunft“

Der verschnarchte Fuselfelsen plötzlich als wichtiges Mosaiksteinchen der Energiewende – das elektrisiert sie hier auf der Insel. In Kneipen und Geschäften, auf der Straße und im Hafen: „Windenergie ist Deutschlands Zukunft. Und unsere Zukunft!“, sagen die Insulaner.

Auch Ingrun Lösekann, die eher wortkarge Fahrstuhlfrau, ist beinahe euphorisch, wenn es um Wind geht. „Ist ‘ne Riesenchance“, sagt sie nur.

Und drückt wieder den Knopf in ihrem Fahrstuhl. Es geht aufwärts, diesmal ...

Info: Der Helgoland-Cluster

Derzeit sind drei Offshore-Windparks vor Helgoland genehmigt und in Planung. Gebaut und betrieben werden diese von den Energiefirmen RWE, Eon und WindMW.

Zunächst sollen zusammen etwa 240 Windräder Strom für rund eine Million Haushalte liefern. Darüber hinaus stehen derzeit Absichtserklärungen weiterer Betreiber im Raum, die vor Helgoland Windräder bauen wollen. Insgesamt könnten von Helgoland aus etwa 500 Turbinen gewartet werden.

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