Investitionen

Frische Chips aus Sachsen-Valley


Wie eine Schlüsselbranche um ihre Zukunft ringt

Dresden. Der erste Stein an der Wilschdorfer Landstraße 101 schafft es bundesweit in die Schlagzeilen. Obwohl da keine architektonische Schönheit entsteht, das vierstöckige Gebäude ginge als Lagerhalle durch. Das Medien-Interesse erklärt sich aus den inneren Werten.

Der Chip-Produzent Globalfoundries, der die frühere AMD-Fabrik in Dresden betreibt, errichtet auf dem Gelände für 1,2 Milliarden Euro eine dritte Fertigung.

„Wir verlieren an Bedeutung“

400 Menschen sollen in dem Neubau arbeiten, der seit vorletztem Mittwoch entsteht. In zwei Jahren will man pro Monat 80.000 Wafer fertigen – die Scheiben, auf denen Tausende von Mikroprozessoren sitzen.

Auf den ersten Blick blüht es also wieder: das „Saxony-Valley“, das Sachsen-Tal, wie viele die Gegend rund um Dresden nennen – in Anlehnung an die Hightech-Region Silicon Valley in Kalifornien. Der Schock nach der Pleite des Chip-Herstellers Qimonda 2009, die mehr als 4.000 Jobs kostete, scheint überwunden. Zumal auch Infineon vor Ort die Produktion hochfährt.

Doch es gibt noch eine zweite Sicht der Dinge. Die formuliert zum Beispiel Ulrich Schaefer, der Vorsitzende der Fachgruppe Halbleiter im Elektronik-Verband ZVEI: „Deutschland und Europa verlieren als Produktionsstandorte besorgniserregend an Bedeutung. Es steht auf der Kippe, ob wir auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben.“

Der weltweite Marktanteil der EU-Chip-Produktion ist zwischen 2000 und 2009 von 14 auf 10 Prozent gesunken, auch die USA fielen von 24 auf 13 Prozent zurück. Dagegen stieg der Anteil Asiens von 60 auf 74 Prozent.

Die Ansiedlung der teuren Chip-Fabriken ist zu einem Wettlauf um Staatsgeld geworden. Einen Teil gibt es bar auf die Hand, der Rest steckt in kostenloser Infrastruktur und Energie sowie in Steuernachlässen. Länder außerhalb der EU schießen bis zu 40 Prozent zu. Europa hat die Obergrenze auf 15 Prozent gesenkt.

Was am Jubeltag in Dresden unterging: Die größten Investitionen tätigt Globalfound-ries woanders. Eine nagelneue Fabrik entsteht gerade im spendablen US-Bundesstaat New York, Abu Dhabi soll folgen. Das sächsische Investment ist im Vergleich dazu nur eine Art Aktualisierung – für die es auch nur 10 Prozent Förderung gab.

Was tun? Einerseits passen Subventionen nicht zur Marktwirtschaft – es werden ja mit Steuermitteln Fabriken errichtet, die sich ohne nicht rechnen. Und kann man nicht die Chips einfach in China oder Taiwan einkaufen? Doch andererseits sagen viele Experten: Hier sind Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe.

Die EU-Kommission schaltet um

„Die hochspezialisierte deut- sche Industrie braucht die Nähe zum Hersteller“, warnt Klaus-Dieter Lang, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration in Berlin. „Nur so kann sie das Innenleben der Halbleiter beeinflussen, Qualität und Sicherheit mitbestimmen.“

Experte Schaefer vom Elektronik-Verband fügt ein zweites Argument hinzu: „Die Entwicklungsabteilungen der Unternehmen werden immer der Chip-Produktion folgen müssen.“ Es droht Abwanderung wichtiger Jobs. Die EU-Kommission ist alarmiert – und plant, Schlüsseltechnologien gezielt zu fördern.

Noch steht das allgemein in einer EU-Mitteilung – ob mehr daraus wird, hängt stark von Deutschland ab. Derzeit spricht die Chip-Industrie hinter verschlossenen Türen im Bundeswirtschaftsministerium vor. Ein Lobbyist glaubt an den Erfolg der Gespräche: „Wir betteln ja nicht als neue Kohlebranche um die künstliche Verlängerung des Todes.“

Dirk Horstkötter

Was ein Chip heute kann

Der Fortschritt verläuft rasant: Inzwischen werden auf einem daumennagelgroßen Stück Silizium eine Milliarde Transistoren verbaut – winzige Schalter, auf mehreren Ebenen, mit Hunderten Metern Kupferdraht. Jeder Transistor schaltet sich pro Sekunde tausend Milliarden mal ein und aus.

Im Zusammenspiel werden so enorm komplexe Vorgänge gesteuert. Der Chip-Hersteller Infineon bringt dazu diesen Vergleich: Angenommen, ein Chip wäre ein Parkhaus mit sieben Millionen Autos. Dann würden in einer Sekunde alle umgeparkt – und die Reifen gewechselt bekommen.

DIH

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