Umweltschutz, Fairness, Nachhaltigkeit

Freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind häufig besser als harte Gesetze

2016 hatte der Einzelhandelsverband eine freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben, die den Verbrauch der Plastiktüten drastisch senken sollte. Der Plan ging auf. Dieses Beispiel zeigt: Freiwillig – das kann funktionieren.

Angeschwemmt: Plastikmüll an einem Strand auf den Philippinen. Der Abfall verteilt sich über die Meere weltweit. Foto: Greenpeace

Angeschwemmt: Plastikmüll an einem Strand auf den Philippinen. Der Abfall verteilt sich über die Meere weltweit. Foto: Greenpeace

Vorzeigefabrik Jay Jay in Addis Abeba (Äthiopien): Arbeiterinnen nähen hier Babykleidung für Europa. Foto: dpa

Vorzeigefabrik Jay Jay in Addis Abeba (Äthiopien): Arbeiterinnen nähen hier Babykleidung für Europa. Foto: dpa

„Der Vorteil: Den Firmen ist es freigestellt, wie sie ein Ziel erreichen.“ Professor Dominik Enste, IW-Experte für Wirtschaftsethik. Foto: Roth

„Der Vorteil: Den Firmen ist es freigestellt, wie sie ein Ziel erreichen.“ Professor Dominik Enste, IW-Experte für Wirtschaftsethik. Foto: Roth

Berlin. Der Plan ist aufgegangen: Seit die Kunden in vielen deutschen Geschäften etwas für die Plastiktüte bezahlen müssen, greifen sie viel seltener danach. Um bundesweit fast 2 Milliarden Stück ging der Verbrauch letztes Jahr zurück, von 5,6 auf 3,7 Milliarden Tüten.

Das kommt nicht von ungefähr: 2016 hatte der Einzelhandelsverband gegenüber dem Umweltministerium eine freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben. Demnach ist für 60 Prozent aller Tragetaschen eine Gebühr fällig. Umweltschützer sehen weggeworfene Plastiktüten als ein globales Problem – das am Ende sogar die Weltmeere belastet.




Freiwillig – das kann funktionieren, wie das Beispiel zeigt. „Eine Selbstverpflichtung ist häufig erfolgversprechender als harte Gesetze“, sagt Professor Dominik Enste, Experte für Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Er ergänzt: „Allerdings braucht es oft Druck von außen.“

Umweltschutz, Fairness, Nachhaltigkeit

Auch bei der Plastiktüte war das so. Hintergrund ist eine EU-Richtlinie, wonach der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in den Mitgliedsstaaten von rund 200 im Jahr 2010 auf nur noch 40 im Jahr 2025 verringert werden soll. Statt daraus ein Gesetz zu machen, setzte die Bundesregierung auf die freiwillige Vereinbarung. Inzwischen hat Deutschland mit 45 Tüten das Ziel schon fast erreicht.

Früher war es vor allem die Chemie-Branche, die mit Selbstverpflichtungen die Flucht nach vorn antrat. Sie stand in den 80er und 90er Jahren besonders unter Beobachtung von Umweltschützern.

Am 1. November 1986 färbte sich der Rhein plötzlich rot. In einem Lager der Schweizer Chemie-Firma Sandoz bei Basel war ein Feuer ausgebrochen – eine Mischung aus Chemikalien und Löschwasser ergoss sich in den Fluss und löste ein großes Fischsterben aus.

Der Unfall leitete eine Wende ein, brachte einen umfassenden Umwelt- und Gewässerschutz in Gang. So kam es 1991 unter anderem zu einer Vereinbarung zwischen der niederländischen Stadt Rotterdam und dem Verband der Chemischen Industrie. Grund: Der Baggerschlick des Hafens von Rotterdam war zum Teil so stark verunreinigt, dass er nicht mehr ins Meer verklappt oder als Material etwa für den Bau von Dämmen verwendet werden durfte.

In einer Selbstverpflichtung sicherte die Chemie-Branche zu, ihre Einleitungen in den Rhein bis 1995 drastisch zu verringern. So sollte etwa die Zinkfracht um zwei Fünftel sinken und die Einleitung von Chrom um zwei Drittel. Das Konzept ging auf. Die Vereinbarung wurde bis 2006 verlängert – da lag die Belastung bei allen kritischen Stoffen schon an der Nachweisgrenze.

Dass internationale Vereinbarungen effektiver sind als nationale Alleingänge – das zeigt sich auch beim deutschen „Bündnis für nachhaltige Textilien“. Auslöser war der Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch 2013, bei dem mehr als 1.000 Menschen starben. In dem Gebäude wurde für bekannte internationale Bekleidungsmarken produziert. Das Bündnis zählt gut 140 Mitglieder – unter anderem H & M und C & A, Aldi und Lidl, Adidas und Puma, aber auch die Bundesregierung, Gewerkschaften und Verbände.

Textilproduzenten müssen zum Beispiel angeben, welche chemischen Substanzen sie oder ihre Zulieferer einsetzen, welche Sicherheitsstandards gelten und welche Löhne gezahlt werden. Und darlegen, wie sie Schritt für Schritt bessere Bedingungen erreichen wollen.

Aufhorchen ließ in diesem Zusammenhang etwa die Textilfabrik Jay Jay in Äthiopien, die unter anderem für H & M Babykleidung produziert. In der hellen Fabrik in Addis Abeba, mit 1.700 Näherinnen, hängen vorschriftsgemäß Feuermelder und rote Alarmlampen.

Nach dem Prinzip der freiwilligen Selbstverpflichtung funktioniert auch der branchenübergreifende „Global Compact“ – ein weltweiter Pakt zwischen der Uno und mittlerweile 9.300 Firmen, darunter Henkel, Siemens und der Tüv Rheinland. Das Versprechen: gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit und Fairness sorgen.

So verringerte der Waschmittel-Konzern Henkel die Kohlendioxid-Emissionen je Tonne hergestelltes Produkt seit 2010 um 22 Prozent. Siemens hat die Versorgung von fast 40 Standorten in Deutschland auf Öko-Strom umgestellt. Und der Tüv Rheinland hilft in 65 Ländern, energieeffiziente Lösungen zu finden.

„Global Compact ist eine Erfolgsstory“, so IW-Ethik-Forscher Enste: „Gut für die Gesellschaft und gut fürs Unternehmensimage.“

Und er nennt den entscheidenden Vorteil der freiwilligen Deals: Den Firmen wird dabei freigestellt, mit welcher Technik sie welches Ziel schaffen. „Einzig und allein das Ergebnis zählt.“

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