Offene Grenzen

Freie Fahrt in Europa


Einheitliche Standards, Euro, Binnenmarkt: So profitieren Firmen von der EU

Burtenbach/Straubing. Europa wächst immer enger zusammen. Aber sich deshalb gleich komplett angleichen? Französische Speditionen etwa schätzen nach wie vor Lkw-Anhänger mit verstärktem Heck. Ähnlich vorsichtig ist in der EU sonst niemand.

So wie die Franzosen an ihrer Lebensart hängen, hängen deren Brummi-Fahrer nämlich an ihrer Fahrweise. Kein anderer europäischer Kollege dockt rückwärts ähnlich rüde an Laderampen an.

EU nutzt Bayern enorm

In Europa gibt es immer noch nationale Eigenheiten – und viele Bürger sehen das gerne. Sie haben Angst vor zu viel Konformität, auf Gängelung aus Brüssel reagieren sie gereizt. Unternehmen hingegen kann die Einigung Europas kaum schnell genug gehen. Insbesondere für die bayerische Wirtschaft ist das vereinte Europa ein Segen. So arbeitet heute ein Drittel der Wirtschaftskraft des Freistaates für das Ausland, und davon wiederum gehen zwei Drittel in die EU. Freier Handel über Grenzen hinweg – bei der Europawahl am 7. Juni stimmen die Bürger auch darüber ab, wie es mit dieser Erfolgsstory weitergeht.

„Für uns existieren in Europa keine Grenzen mehr“, sagt Andreas Lubitz. Er ist Sprecher von Kögel, einem Hersteller von Lkw-Anhängern. Von 1.000 Mitarbeitern arbeiten drei Viertel im Stammwerk im schwäbischen Burtenbach – aber 60 Prozent der Produktion gehen ins Ausland, fast ausschließlich nach Europa.

Einheitliche Vorschriften sind für viele Exportfirmen wichtig, damit es im Alltagsgeschäft rundläuft. Und die EU hat noch viel Arbeit vor sich. Wie eng muss ein Wendekreis sein? Wo müssen Warntafeln angebracht werden können? Wie viel darf ein Lkw wiegen? Die einzelnen Staaten sehen all das noch immer unterschiedlich.

Immerhin: Bis 2012 soll die Zulassung für Nutzfahrzeuge weitgehend harmonisiert werden. Es gelten dann nicht mehr die Regeln von 27 EU-Staaten, sondern es gibt nur noch eine. „Das hilft uns enorm, weil es Kosten spart“, sagt Lubitz. Die EU macht sich beliebt, weil sie tut, was man ihr gemeinhin gerade nicht nachsagt: Sie sorgt mitunter für weniger Bürokratie.

Euro garantiert Stabilität

Wichtig in diesem Zusammenhang: der Euro. Er macht sich für Kögel gerade jetzt in Krisenzeiten bezahlt. Zwar wird auch in Westeuropa das Geschäft schwieriger, weil die Kundschaft weniger bestellt. Aber der Auftragsrückgang wird nicht von schwankenden Wechselkursen verstärkt – wie es etwa im Geschäft mit Osteuropa der Fall ist. Dort verloren die Währungen zuletzt stark an Wert, was Exporte aus Deuschland teurer machte.

Die Abwertung anderer Währungen gegenüber dem Euro geht auch an Rohr Nutzfahrzeuge nicht spurlos vorbei. Das Straubinger Unternehmen fertigt mit 220 Mitarbeitern unter anderem Tankfahrzeuge. Besonders schwierig derzeit: der Handel mit Russland. Der Rubel verlor in den letzten sechs Monaten gegenüber dem Euro ein Viertel seines Wertes. Obendrein erhöhte Moskau die Importzölle für Rohr-Nutzfahrzeuge auf 25 Prozent.

„Unsere Fahrzeuge lassen sich in Russland jetzt schwerer verkaufen“, klagt Geschäftsführer Reinhold Bleckenwegner. Sie wurden Opfer eines knallharten Protektionismus – den es in der EU nicht mehr gibt: Im gemeinsamen Binnenmarkt sind die Hürden für den Handel fast gleich null. Wenn man von Dingen wie der Lkw-Fahrweise absieht.

Die Firma Kögel etwa liefert nach Frankreich einfach robustere Anhänger als nach Rest-Europa. Sprecher Lubitz: „Wir müssen eben auch die Eigenheiten beachten, die die EU nicht regeln kann.“

Grenzenloser Umsatz

Zwei Drittel aller Erntemaschinen werden ins EU-Ausland verkauft

Feucht. Was wäre Fella ohne den europäischen Binnenmarkt? Drei Viertel seines Umsatzes macht der fränkische Hersteller von Erntehelfern im Ausland – und etwa 85 Prozent davon entfallen auf die EU. Exportiert werden die Maschinen vor allem in die großen Agrarstaaten, etwa Frankreich. Aber speziell in den osteuropäischen Ländern Polen, Tschechien, Slowakei und den Staaten des Baltikums wuchs das Geschäft von Fella seit der EU-Erweiterung vor fünf Jahren überproportional. Was der Firma jetzt nur noch fehlt zum ganz großen EU-Glück: die Einführung des Euro in den östlichen Staaten.

Nur noch ein Amt

Genehmigungen durch EU einfacher

München. Einheitliche Regeln für die Zulassung neuer Technik ist eine große Erleichterung für Triebwerkhersteller wie MTU. Das Münchner Unternehmen orientierte sich in der Vergangenheit vor allem am Luftfahrtbundesamt in Braunschweig – musste allerdings auch die Regeln anderer Länder im Blick haben.

Heute gibt es die rechtlichen Vorschriften aus einer Hand. Europaweit geltende Sicherheits- und Umweltstandards für die zivile Luftfahrt festlegen – das ist seit 2003 die Aufgabe der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) mit Sitz in Köln.

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