Interview

„Frankreich braucht noch mehr Reformen“


Was François Hollande jetzt tun müsste

Dem neu gewählten französischen Staatspräsidenten machen nicht nur hohe Staatsschulden zu schaffen. Auch wirtschaftlich läuft es nicht so gut. Was nun zu tun ist, erklärt Jörn Bousselmi, der Geschäftsführer der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer in Paris.

AKTIV: In Frankreich macht die Industrie nur noch 14 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. In Deutschland sind es mehr als 20 Prozent. Wie könnte der neue französische Präsident den Niedergang stoppen?

Bousselmi: Das Land braucht weitere Reformen, etwa für ein flexibleres Arbeitsrecht. Auch müssen die Lohnnebenkosten reduziert werden. Nur in Schweden sind sie in der EU höher. Die private Wirtschaft muss stärker in Forschung und Entwicklung eingebunden werden – besonders kleinere Unternehmen.

AKTIV: Ein starker Mittelstand wie in Deutschland fehlt ...

Bousselmi: Ja, es gibt zwar neben weltweit erfolgreichen Konzernen zahlreiche kleine Betriebe. Aber sie produzieren fast nur für den Binnenmarkt. Sie agieren also nicht international wie viele kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland.

AKTIV: Ein Problem ist auch die hohe Arbeitslosigkeit der Jugendlichen. Fast jeder Fünfte hat keinen Job. Woran liegt das?

Bousselmi: Das Ausbildungssystem ist ganz anders als in Deutschland. Es ist schulisch ausgerichtet und erschwert so der Jugend einen schnellen Berufseinstieg.

AKTIV: Was muss sich ändern?

Bousselmi: Frankreich ist schon dabei, die Ausbildung praxisnäher zu gestalten und stärker am Bedarf der Unternehmen zu orientieren. Aber das braucht seine Zeit.

AKTIV: Warum ist der Nachbar trotz aller Schwierigkeiten für unsere Wirtschaft interessant?

Bousselmi: Der Markt ist groß. Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten Frankreichs wichtigster Handelspartner. Im vergangenen Jahr ist der Warenaustausch um 10 Prozent auf 168 Milliarden Euro gestiegen. Deutsche Produkte sind stark gefragt – wegen ihrer Qualität und ihrer großen Innovationskraft.

AKTIV: Und was ist mit Frankreich als Investitionsstandort?

Bousselmi: Ich denke, die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 3.000 deutsche Unternehmen sind hier mittlerweile präsent – mit insgesamt rund 320.000 Beschäftigten. Nach den USA schafft kein anderes Land jährlich mehr Arbeitsplätze in Frankreich.

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