Schwerpunkt

Flexibel zupacken


Wie sich Unternehmen gegen immer stärkere Schwankungen der Konjunktur wappnen

München/Seehausen/Bessenbach. Nach der tiefen Konjunkturkrise im Jahr 2009 ging es mit der Wirtschaft schnell und steil bergauf. Doch seit einigen Monaten lässt das Wachstum schon wieder nach. Die Berg- und Talfahrt wird immer rasanter. Dieses Auf und Ab stellt die Unternehmen vor Herausforderungen: Enorme Flexibilität ist gefragt, auch in Bayerns Industrie.

Beispiel: das Münchner Werk von BMW. Dort stellt das Unternehmen jeden Tag rund 900 Stück der neuen 3er-Limousine her. „Unser Ziel ist, die Kosten je Fahrzeug stabil zu halten – selbst wenn die Produktionszahl mal um 15 Prozent steigt oder fällt“, sagt Werkleiter Thomas Lehmann.

Zeitkonto mit plus und minus 200 Stunden

Dafür verlangt BMW auch von den Zulieferern, schnell auf Auftragsschwankungen zu reagieren. „Denn wir kaufen bis zu 80 Prozent der Wertschöpfung eines ganzen Autos zu“, so Lehmann.

Erst fünf Tage vor dem Produktionstermin werden die Komponenten bei den Lieferanten abgerufen. Schlüssel für die Flexibilität im eigenen Werk sind die Beschäftigten. Auf Zeitkonten können sie im Jahr ein Plus von 200 Stunden anhäufen – oder mit demselben Wert ins Minus rutschen.

Zudem nutzt BMW die Zeitarbeit. „Damit atmen wir“, sagt Lehmann. Der Anteil der temporären Kräfte an der Belegschaft von rund 9.000 Mitarbeitern im Münchner Werk schwanke zwischen 0 und 15 Prozent. „Aktuell liegen wir etwa in der Mitte.“

Arbeitseinsatz auf Abruf

2011 ging es dann nach einem stabilen Vorjahr um mehr als 20 Prozent nach oben. Wie bewältigt das Familienunternehmen mit 54 Mitarbeitern diese Achterbahnfahrt? „Mit guten Produkten und einer engen Bindung zu den Kunden“, antwortet Tipecska. „An erster Stelle stehen aber die große Flexibilität und die hohe Motivation unserer Mitarbeiter.“

Und das sieht so aus: Während der Kurzarbeit im Jahr 2009 hielten sich die Beschäftigten auf Abruf bereit. „Manchmal kamen Aufträge so kurzfristig, dass wir erst am Abend vor Arbeitsbeginn angerufen haben“, erzählt Tipecska. Es funktionierte.

Jetzt werden Überstunden gemacht, weil es viel zu tun gibt. „Wer wann zum Einsatz kommt, entscheiden die Teams in der Fertigung selbst“, fügt der Firmenchef hinzu.

Das gilt auch für Montage-Termine bei Kunden am Wochenende. Einer der Mitarbeiter ist der 27 Jahre alte Konstrukteur Michael Keßner. „Flexible Arbeitszeiten finde ich super“, sagt er. „So hat in der letzten Krise keiner seine Stelle verloren.“

Keßner weist noch auf einen anderen Pluspunkt des Betriebs hin: das Produktangebot mit mehreren Standbeinen – etwa Baugruppen für Druckmaschinen, die Chemie und die Auto-Industrie sowie Sondermaschinen und Spezialanlagen. Ein Abschwung einer einzelnen Branche lässt sich somit besser wegstecken.

Zusätzliche Flexibilität erhofft sich Geschäftsführer Tipecska vom neuen Werk, das im Nachbarort Obersöchering gebaut wird. Für Juni 2012 ist der Umzug dorthin geplant. „Allein schon dank der kürzeren Wege in der neuen Fertigung wird unsere Produktivität steigen.“

SAF-Holland im unterfränkischen Ort Bessenbach – Zulieferer für Hersteller von Lkws, Bussen und Wohnmobilen – setzt vor allem auf flexibles Personal und ein schlankes Lager. „Befristete Beschäftigte und Zeitarbeiter zusammen können an den drei bayerischen Standorten bis zu einem Fünftel der Belegschaft ausmachen“, berichtet Unternehmenssprecherin Barbara Zanzinger. „Das haben wir mit dem Betriebsrat vereinbart.“ Im Freistaat beschäftigt SAF-Holland insgesamt rund 1.000 Mitarbeiter.

Aus der Krise Lehren gezogen

Und der Lagerbestand an Material und Vorprodukten wird in Bessenbach möglichst gering gehalten. So lässt es sich leichter verkraften, wenn der Auftragseingang mal zurückgehen sollte.

Die neue Flexibilität ist eine Konsequenz aus den Erfahrungen der vergangenen Konjunkturkrise. Sie hatte die Lkw-Branche und ihre Zulieferer besonders hart getroffen. „Unsere Strategie sieht vor, dass das Unternehmen auch bei einem Umsatzeinbruch von bis zu 30 Prozent profitabel bleibt“, sagt Zanzinger. Aktuell ist das allerdings für die Franken kein Thema: „Unser Geschäft läuft gut.“

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