Komm zu uns, Julio!

Fachkräfte aus Krisenstaaten

Deutschland braucht dringend Fachkräfte. Spaniens Fachkräfte dagegen brauchen dringend Jobs! Kein anderes europäisches Land verzeichnet eine höhere Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen als Spanien. Nach Deutschland zog es bislang aber die wenigsten. Doch das scheint sich zu ändern. AKTIV reiste nach Madrid. Und traf einen jungen Mann auf ge­packten Koffern.


Madrid. Es ist kurz vor acht Uhr abends, als unter dem wolkenlosen Himmel Madrids der Sturm losbricht. Plötzlich sind die Demonstranten da, zusammengerufen über Facebook und Twitter, sie strömen aus Bars und Gassen, aus Hauseingängen und U-Bahnstationen auf die in der Hitze flirrende Calle de Alcalá, ein paar Hundert erst, bald darauf sind es Abertausende.

„Democracia real ya!“, skandieren sie, „Echte Demokratie jetzt“. Sie wettern gegen die Massenarbeitslosigkeit, verfluchen die Regierung und deren Sparkurs, schwenken Fahnen. Hubschrauber dröhnen am Himmel, am Boden nesteln schwarzbehelmte Polizisten übernervös an ihren Gummi­knüppeln. Spaniens junge Wutbürger, „los Indignados“, „die Empörten“, marschieren schon wieder.

Null Chancen, null Perspektive

Sie haben allen Grund. Denn Spanien, vor ein paar Jahren noch Wirtschaftswunderland, ist längst zum europäischen Sorgenfall geworden. Jeder fünfte Spanier ist derzeit ohne Job, von den Jugendlichen bis 25 Jahren steht sogar fast jeder zweite auf der Straße. Schon spricht man im Land von der „Generación cero“, der „Generation null“: null Chancen, null Perspektive.

Die einen treibt die Verzweiflung auf die Straße. Andere treibt sie außer Landes: Nach Angaben der EU-Beschäftigungsvermittlung Eures haben seit 2007 rund 100.000 junge Spanier ihrer Heimat „Adios“ gesagt, Tendenz steigend. Und waren zunächst Großbritannien und Frankreich bevorzugte Ziele der Arbeitsemigranten, richten derzeit immer mehr junge, gut ausgebildete Spanier ihren Blick auf – Deutschland!

So wie Julio César Larriba. Elektrotechnik-Ingenieur, dazu noch zwei Master-Abschlüsse, perfektes Englisch, 28 Jahre alt. Und arbeitslos.

Am Morgen nach der Groß-Demo in Madrid nuckelt Larriba, schwarzes Hemd, schütteres Haar, in einem Café auf der Plaza Mayor an einer Cola und redet sich den Frust von der Seele. „Hier in Spanien habe ich keine Zukunft, ich werde nicht gebraucht. Ich habe eine Top-Ausbildung, ich will arbeiten, aber man lässt mich nicht.“

Bis vor fünf Monaten arbeitete Larriba bei der spanischen Niederlassung des US-Autobauers Ford. Er kümmerte sich um die Optimierung der Produktionsprozesse, kloppte Überstunden, all das für schmale 1.200 Euro brutto im Monat. „Das war mir egal, mehr war eben nicht drin und wenn ich den Job nicht genommen hätte, dann hätten 50 andere draußen gewartet.“

„Deutschland ist in den Fokus gerückt“

Dann jedoch lief sein Jahresvertrag aus, Larriba stand auf der Straße. Und seither: 200 Bewerbungen. Aber keine Arbeit. Deshalb will er nur noch weg, „dorthin, wo ich ein Leben haben kann, einen Job. Deshalb will ich nach Deutschland!“

Und nicht nur er. Laut der Zentralen Arbeits- und Fachvermittlung (ZAV) der deutschen Bundesagentur für Arbeit bekundeten im ersten Halbjahr dieses Jahres 14.000 Spanier „ernsthaftes Interesse“ an einer Arbeit in Deutschland. „Darunter viele hervorragend ausge­bildete Ingenieure und Fachkräfte aus verschiedensten Bereichen“, sagt ZAV-Sprecherin Beate Raabe.

„Deutschland ist nun endlich auch in den Fokus gerückt“, bestätigt Walther von Plettenberg, Chef der deutschen Außenhandelskammer in Madrid. Zwar sei die Situation nicht vergleichbar mit den 60er-Jahren, als rund 600.000 Spanier nach Deutschland auswanderten. „Aber wir hoffen trotzdem, dass wir mehr Fachkräfte als zuletzt an deutsche Unternehmen vermitteln können.“

Jedoch: Das dürfte kein Selbstläufer werden. „Das Interesse der Spanier an Deutschland ist zweifellos gestiegen“, so ZAV-Frau Raabe. „Aber im Gerangel um die Fachkräfte stehen wir eben auch in Konkurrenz zu allen europäischen Nachbarländern.“

Auch die kämpfen schließlich mit dem demografischen Wandel. „Und um noch mehr Spanier für Deutschland zu begeistern, braucht es flankierende Maßnahmen durch die Firmen, zum Beispiel Unterstützung bei der Wohnungssuche, Kindergartenplatz für den Nachwuchs, Sprachkurse!“

Und überhaupt: die Sprache! Als am Vortag die Demonstranten durch die Madrider Innenstadt zogen, hockte Julio César Larriba daheim im Stadtteil Tetuan in seinem WG-Zimmer an einem klapprigen Tapeziertisch und paukte Deutsch. „Wenn ich in Deutschland arbeiten will, muss ich die Sprache können. Dann nimmt mich auch wer!“

Stunde um Stunde verbringt er seither mit seinem Lehrbuch, in dem die Deutschen Gertrud und Ottfried heißen. Ihm gleich tun es neuerdings viele: Die Goethe-Institute melden proppenvolle Deutschkurse, hinter Autoscheibenwischern in Madrid pappen Werbeflyer von Sprachschulen.

„Ich bin gut! Ich bin jung!“

Nur manchmal, sagt Larriba zwischen zwei Schlückchen Cola auf der Plaza Mayor, da kommen dann doch die Zweifel. Was wird sein, fragt er sich dann, wenn er auch in Deutschland keine Arbeit findet? Wo soll er dann hin? Wovon soll er leben? Wie soll er eine Familie ernähren können, wo er doch jetzt nicht mal für sich selbst sorgen kann?

„Aber dann sage ich mir: Hey, ihr Deutschen sagt doch immer, dass euch gute junge Leute fehlen!“

Pause, dann: „Ich bin gut! Ich bin jung! Meine Koffer sind gepackt. Es muss nur einer sagen: Julio, komm zu uns!“

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