Die Sache mit dem Börsenwert

Facebook wiegt schwerer als VW – wie kann das denn sein?


Wer wiegt schwerer? Der Börsenwert ist ein wichtiger Maßstab. Fotos: fotolia (3); Montage: Roth

Frankfurt. Stellen Sie sich mal zwei Unternehmen vor: Firma A, geführt von einem promovierten Physiker, ist schon über 70 Jahre aktiv, 550.000 Beschäftigte erwirtschaften 200 Milliarden Euro pro Jahr. Firma B hat einen Studienabbrecher als Chef und noch kein Jahrzehnt überlebt, 5.000 Mitarbeiter schaffen etwa 5 Milliarden Euro Umsatz. Nun raten Sie mal: Welches Unternehmen hat den höheren Börsenwert?

Verblüffend: Firma B – deren echter Name Facebook lautet. Im Sommer hat sie mehrmals Firma A, nämlich Volkswagen, in Sachen Marktkapitalisierung überholt. Und damit alle anderen deutschen Schwergewichte wie Bayer, BASF, Daimler, SAP oder Siemens.

100 Milliarden Dollar – eine magische Schwelle

Facebook wie VW liegen jenseits der magischen 100-Milliarden-Dollar-Grenze (umgerechnet rund 80 Milliarden Euro). Wer die Nase vorne hat, wenn diese Zeitung erscheint, ist offen – die Börse bewegt sich ja täglich, ebenso der Euro-Dollar-Kurs. Der Börsenwert ist auch nicht etwa der Preis, für den man den ganzen Laden kaufen könnte: Er berechnet sich aus dem Kurs und der Zahl der frei handelbaren Anteile. Also zählt zum Beispiel das dauerhafte 20-Prozent-Paket des Landes Niedersachsen an VW nicht mit.

Wie kann es sein, dass eine junge Firma, deren Produkt man nicht einmal anfassen kann, schwerer wiegt als ein Traditionskonzern, der jährlich neun Millionen Autos baut?

„An der Börse werden Erwartungen gehandelt“, sagt Joachim Schallmayer, Experte für Aktienmarktstrategie in der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank. „Man rechnet die Zukunft auf den heutigen Tag herunter. Da geht es auch um die Frage: Was ist das zukunftsträchtigere Geschäftsmodell?“

In der Facebook-Bewertung, so Schallmayer, stecke also „extrem viel Fantasie“: Erwartet würden steigende Gewinne und damit höhere Dividenden sowie ein weiter zunehmender Aktienwert. Im Sommer war der Kurs rasant gestiegen – als neue Zahlen zeigten, dass die Firma mit mobiler Werbung tatsächlich Geld verdienen kann.

Klassische Kennzahlen versagen bei Newcomern

Erhofft werden nun noch mehr Nutzer, vor allem aber neue Dienste, die man den Nutzern verkaufen kann – und das sind schon jetzt 1,1 Milliarden Menschen weltweit. Hierzulande tummeln sich 19 Millionen Zeitgenossen täglich in dem sozialen Netzwerk.

Der Experte betont: Klassische Kennzahlen (wie etwa das Verhältnis des Börsenkurses zum Gewinn der Firma) versagen bei Newcomern völlig. Die Face­book-Aktie sei „spekulativer“ als die von VW, berge höhere Risiken.

Wobei Otto Normalverbraucher sowieso nie einzelne Werte kaufen sollte: „Wenn man als Kleinanleger überhaupt an den Aktienmarkt geht, dann sollte man stets auf eine breite Mischung setzen.“ Die lasse sich einfach erreichen – per Aktienfonds.

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