„Müssen genauer hinschauen“

Experten-Interview: Warum die Armutsstatistik oft falsch interpretiert wird

Freiburg. Noch nie sei die Armut in Deutschland so groß gewesen wie heute: Diese Schockdiagnose der Soziallobby „Paritätischer Wohlfahrtsverband“ hat in diesem Jahr viele Menschen verunsichert – und ruft Kritiker auf den Plan. Wie Professor Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritas-Verbands. AKTIV traf ihn in Freiburg.

Sind wir Deutschen ein Volk von Jammerlappen?
Dass über Armut gestritten wird, ist völlig in Ordnung. Aber natürlich stimmt es nicht, dass die Armut nie größer war als heute. Man denke nur an die Nachkriegszeit.

Was ist dann faul an der Statistik?
Die Statistik selbst ist okay. Sie misst das Armutsrisiko: Sie erfasst alle, die von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens leben. Knapp 16 Prozent sind nach dieser Definition armutsgefährdet. Schräg wird es, wenn wir Armutsrisiko einfach mit Armut gleichsetzen. Derzeit liegt die Armutsrisikoschwelle bei knapp 900 Euro netto im Monat bei Alleinstehenden. Bei einer Familie mit zwei Kindern über 15 Jahre sind es 2.200 Euro.

Als Studentin hätten mir schon 800 Euro gut gereicht ...
Deshalb müssen wir auch ganz genau hinschauen. Wer als Student oder Auszubildender von 800 Euro im Monat lebt, der hat kein soziales Problem. Im Übrigen rutscht ein Student statistisch ins Armutsrisiko, wenn er zu Hause auszieht und als eigener Haushalt erfasst wird. Dabei ist es ein Zeichen für Wohlstand, wenn sich mehr Leute in Ausbildung eine eigene Wohnung leisten können. Anders sieht es aus, wenn jemand mit dem gleichen Betrag dauerhaft auskommen muss, obwohl er regulär arbeitet. Außerdem: Fast die Hälfte der Alleinerziehenden und ein Viertel der kinderreichen Familien sind armutsgefährdet.

Aber hätten alle ein Viertel mehr Geld – die Armutsrisikoquote bliebe genau gleich.
Der nüchterne Blick auf die Realität ist Voraussetzung für vernünftige Politik. So, wie die Armutsdebatte geführt wird, ist sie unproduktiv. Das Thema wird teilweise in unangemessener Weise skandalisiert.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wo die Armutsdebatte zu falschen Schlüssen führt?
Etwa beim Ost-West-Gefälle: Es heißt, die regionale Zerrissenheit sei noch nie so groß gewesen. Richtig ist: Die Armutsrisikoquote ist etwa in Thüringen 6 Prozentpunkte höher als in Bayern. Aber wenn wir die Lebenshaltungskosten berücksichtigen, schrumpft der Unterschied auf 1 Prozentpunkt. Dagegen zeigen sich große Unterschiede zwischen Stadt und Land – Folge der hohen Mieten in den Ballungsräumen.

Wie Sie das Thema relativieren, erwartet man nicht von einem Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche.
Ja, einige meinten: „Deine Argumente stimmen, aber die Caritas sollte das nicht sagen.“ Ich finde, wir dürfen unser System sozialer Sicherung nicht schlechtreden. Gerade als Caritas haben wir ja ein Interesse daran, dass der Konsens in der Gesellschaft für eine gute sozialstaatliche Sicherung erhalten bleibt.

Um die zu gewährleisten: Wo müssen wir politisch ansetzen?
Es gibt dringenden Handlungsbedarf. Das höchste Risiko für Einkommensarmut ergibt sich aus der Langzeitarbeitslosigkeit. Und dafür sind Menschen ohne Berufsausbildung besonders gefährdet. Also ist eine aktive und vorausschauende Arbeitsmarktpolitik wichtig.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen ...
Ja, die Arbeitsmarktsituation hat sich in den letzten zehn Jahren stark verbessert. Aber wir haben heute einen kleineren, härteren Kern von Langzeitarbeitslosen, die wir mit den Förderinstrumenten der Jobcenter nicht gut genug erreichen.

Was ist in Sachen Armutsbekämpfung die Aufgabe der Unternehmen?
Zu einer erfolgreichen Politik der Armutsprävention gehört schlicht, dass es wirtschaftlich leistungsfähige Unternehmen gibt. Einen besonderen Beitrag leisten Betriebe, wenn sie ausbilden. Und wenn sie sich auch an die Ausbildung von Menschen mit weniger guten Voraussetzungen heranwagen.

Warum ist es eigentlich so schwer, den wirklich Armen zu helfen, etwa den Obdachlosen?
Oft geht es darum, ihnen erst einmal Zugang zu schaffen zum bereits vorhandenen Hilfesystem. Das ist eine große Herausforderung auch für uns Wohlfahrtsverbände.


Mehr zum Thema:

Seit Jahren boomt die Wirtschaft, nie waren mehr Menschen in Arbeit. Gleichzeitig sind 1,5 Millionen Bedürftige auf Lebensmittelspenden der knapp 1.000 Tafeln angewiesen. Schlange stehen für Brot – warum ist das so?

In Sachen „soziale Gerechtigkeit“ führt das Bauchgefühl oft in die Irre. Etwa bei der Frage, wie eigentlich die Einkommen im Lande verteilt sind. Passt Ihre persönliche Vorstellung zu den Fakten? Finden Sie es heraus!

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang