„Verlustängste spielen eine große Rolle“

Experten-Interview: Die Liebe der Deutschen zu Verschwörungstheorien

Tübingen. Wir könnten uns doch einfach mal freuen: Der Arbeitsmarkt brummt, der Wohlstand ist so hoch wie nie. Doch wenn es um Neues geht, stehen viele Menschen ängstlich davor wie das Kaninchen vor der Schlange. Oder sehen gar dunkle Mächte am Werk. AKTIV sprach darüber mit Michael Butter. Der Amerikanistik-Professor von der Uni Tübingen gilt als Deutschlands führender Experte beim Thema Verschwörungstheorien.

Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen EU und USA gilt manchen als Attacke des Kapitalismus gegen die Verbraucher. Was sagen Sie dazu?

Die Leute sind erstaunlich gut darin, weiter an etwas zu glauben, was ihnen einmal eingeleuchtet hat. Und wenn man ihnen Beweise bringt, dass TTIP die Verbraucherrechte in Europa gar nicht einschränkt, dann werden sie in ihrer Skepsis eher noch bestärkt. Diese Beweise sind dann halt gefälscht.

Das nennt man wohl Verschwörungstheorie ...

Natürlich ist nicht jeder Skeptiker ein Verschwörungstheoretiker. Wer aber denkt, dass geheime Mächte die Strippen ziehen, der schon.

Böse Annahmen gibt es zum Beispiel auch in Bezug auf Google, den Euro oder die Pharma-Industrie. Was macht solche Theorien attraktiv?

Verschwörungstheorien vereinfachen komplexe Sachverhalte – und übersetzen diese in die bösen Absichten einer überschaubaren Gruppe von Hintermännern.

Gibt es dieses Phänomen häufiger als früher?

Es ist jedenfalls sichtbarer geworden. Und das hat maßgeblich mit dem Internet zu tun. Dort können sich Menschen mit diffusen Ängsten leicht austauschen. In Bezug auf die Wirtschaft sehe ich allerdings auch, dass dies zu mehr Themen als früher geschieht.

Krude Gedanken sind ja auch ein Geschäftsmodell, etwa für Bücher über Außerirdische oder fragwürdige Heilmethoden.

Sicher. Wobei es bei solchen Themen bestimmt nur wenige gibt, die sie über Jahre bloß zynisch zwecks Geschäftemacherei am Kochen halten. Sie glauben meist wirklich an das, was sie da verbreiten.

Warum richten sich Verschwörungstheorien häufig gegen Konzerne oder Banken?

Grundsätzlich gehen Verschwörungstheoretiker davon aus: Es ist nichts so, wie es scheint. Demnach treffen nicht Politiker die Entscheidungen. Sondern in diesem Fall eben die Finanzwelt. Die als alternativlos bezeichnete Rettung von Banken durch die Regierungen hat diesen Eindruck sicher verstärkt.

Und warum glauben es viele?

Verlustängste spielen dabei eine große Rolle. Vor allem bei denen, die das Gefühl haben, durch Veränderungen oder technischen Fortschritt den Anschluss zu verlieren, und die nach einer Erklärung für ihre Marginalisierung suchen.

Und deshalb laufen etwa die Pegida-Anhänger in Dresden herum, einer Stadt mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit …

… und mit unterdurchschnittlichem Ausländeranteil. Aber wer glaubt, dass die Zahl der Ausländer in seiner Stadt in Wahrheit viel höher ist und darin eine Bedrohung für das Abendland sieht, hält die Statistik für eine Fälschung. Und diejenigen für Lügner, die sie veröffentlichen.

Hat jede Epoche ihre eigene Art von Verschwörungstheorien?

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts richteten sie sich eher von oben nach unten: Sie wurden von Regierungen gegen ihrer Feinde artikuliert. In ihrer schlimmsten und in der Geschichte beispiellosen Form war es die von den Nazis postulierte „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“.

Und heute sind eher die da oben verdächtig?

Ja. Wir sollten Verschwörungstheorien auch heute ernst nehmen. Nicht unbedingt inhaltlich, sondern weil sie uns auf Probleme mit der repräsentativen Demokratie hinweisen. Es gibt in der Wahrnehmung vieler Menschen ein Defizit, was Teilhabe an Entscheidungen betrifft.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, sich mit irrationalen Argumentationen zu befassen – und wie geht man dabei konkret vor?

Als Student hat mich die Diskussion darüber fasziniert, ob die erste Mondlandung der Amerikaner vielleicht bloß ein Fake war. Heute werte ich als Literatur- und Kulturwissenschaftler zunächst mal Quellen aus – um zu verstehen, wie die Theorien rhetorisch funktionieren. Wir sind sogar dabei, dazu ein europäisches Netzwerk aufzubauen: mit rund 70 Wissenschaftlern aus 30 Ländern und 20 Fachrichtungen.

Mit welchem Ziel?

Einerseits wollen wir sie besser verstehen. Andererseits aber auch, um die gefährlicheren Versionen zu entkräften, damit ihnen immer weniger Menschen erliegen. Damit also etwa in Afrika niemand mehr glaubt, Aids werde durch dunkle Mächte verbreitet – und deshalb unzugänglich für Aufklärungsarbeit ist.

 

 


Mehr zum Thema:

Das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA – über dieses kontroverse Thema berichtet AKTIV immer wieder. Lesen Sie hier, worum es in der aktuellen Debatte geht.

aktualisiert am 31.03.2017

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