Billiges Öl, billiger Euro, billiges Geld

Experte warnt: „Deutscher Aufschwung läuft per Doping“

Köln. Griechenlands Schulden, die Nöte seiner Menschen und die Lage seiner Banken – sie beherrschen die Schlagzeilen. Was manchen daher überraschen mag: Für unsere Wirtschaft ist der Hellenen-Staat einerseits kaum von Bedeutung. Andererseits hat unser passables Wachstum trotzdem eine wackelige Basis.

Selbst ein Totalausfall Griechenlands wäre für die Betriebe hierzulande kein Problem. Dorthin gehen nur 0,4 Prozent der Exporte; damit lag der Staat im Vorjahr auf Platz 38 unserer Handelspartner. „Nennenswerte realwirtschaftliche Effekte sind also nicht zu befürchten“, sagt Professor Michael Grömling, Konjunkturexperte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Was ihm mehr Sorgen macht: „Der Aufschwung bei uns läuft sozusagen per Doping.“ Drei günstige „Sonderfaktoren“ befeuern die deutsche Konjunktur.

  • Billiges Öl: Im zweiten Halbjahr 2014 ist der Ölpreis abgeschmiert und nach wie vor niedrig. Das senkt die Produktionskosten der Betriebe, Verbraucher haben mehr Geld für andere Güter. Auch in wichtigen Zielländern unserer Exporte ist man flüssiger.
  • Billiger Euro: Seit Sommer 2014 hat der Euro gegenüber dem Dollar rund ein Fünftel an Wert verloren. Aber auch gegen die Währungen Chinas, Englands und der Schweiz ist der Euro gesunken – unsere Produkte sind also aus dortiger Sicht preiswerter geworden. Das hilft dem Export.
  • Billiges Geld: Die Zinsen sind extrem niedrig, das treibt zum Beispiel die Baukonjunktur. Auch der Staat hat mehr Spielraum, weil die Zinslast seiner Schulden gesunken ist.

Und trotz alledem wird das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2015 gerade mal um 2,0 Prozent steigen – so der jüngste „Consensus Forecast“, eine Durchschnittsprognose von 30 Banken und Instituten.

„Dieses überschaubare Wachstum ist nicht gesichert, die Sache kann schnell kippen“, betont Experte Grömling. „Und selbst wenn zum Beispiel Öl so billig bleiben würde, würde das für 2016 ja keinen erneuten Schub mehr bedeuten.“

Außerdem haben viele Schwellenländer als Käufer deutscher Waren „erheblich an Zauber verloren“, wie Grömling sagt. Nicht zuletzt das von EU-Sanktionen getroffene Russland: Dort dürfte die Wirtschaft 2015 laut Consensus Forecast um 3,5 Prozent schrumpfen. Der massive Einbruch der Exporte dorthin „bedroht in Deutschland unmittelbar 150.000 Arbeitsplätze“, warnte kürzlich der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Viel Gehör fand das allerdings nicht – die Schlagzeilen gehören derzeit eben vor allem Griechenland.


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