Gesundheitspolititk

Experte: Deutschland hat zu viele Krankenhäuser

Essen. Bis Juni will die Regierung neue Zeiten für die bundesweit 2.000 Kliniken beschließen. Das ist notwendig: Obwohl das laufende Budget fast die Hälfte größer ist als vor 20 Jahren – 2013 lagen die Kosten bei 78 Milliarden Euro –, schreibt jede dritte Einrichtung rote Zahlen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass das System nicht ausgelastet ist: „Wir könnten auf 200 bis 300 Krankenhäuser verzichten“, sagt Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. „Die Gefahr, dass dann die Versorgungssicherheit bedroht würde, sehe ich dabei nicht. Die Erreichbarkeit der meisten Krankenhäuser ist derzeit sehr gut und wird es auch bleiben.“

Bund und Länder wollen nun „den Abbau von Überkapazitäten“ starten, heißt es in bereits vorgelegten Eckpunkten zur Reform. Es geht um effiziente Umbauten, Schließungen und Zusammenlegungen. Weil aber auch Ausmisten bekanntlich Geld kostet, soll ein mit 1 Milliarde Euro ausgestatteter „Strukturfonds“ entsprechende Investitionen ermöglichen.

Zudem soll die Qualität bei der Krankenhausplanung künftig eine größere Rolle spielen, und gute Leistungen sollen besser vergütet werden als schlechte. Wenn es um Schließungen oder Zusammenlegungen geht, kann es im Einzelfall schnell Ärger geben: „Man wird mit Kommunalpolitikern verhandeln müssen“, so RWI-Forscher Augurzky. „Auch wenn eine Klinik mehr Geld schluckt, als sie abwirft, ist sie für manchen Landrat oder Bürgermeister ein Prestige-Objekt, auf das er nicht verzichten will.“

Die Wirtschaft unterstützt den Vorschlag. „Ein Fonds zur Finanzierung von Umstrukturierungen kann einen Beitrag zu effizienteren Abläufen leisten“, heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Wichtig wäre nach ihrer Einschätzung aber auch mehr Vertragsfreiheit für die Krankenkassen: „Wenn diese das Recht erhielten, eigenständig mit Kliniken auch über Verträge zu Preisen, Mengen und Qualitäten zu verhandeln, würden nennenswerte Überkapazitäten gar nicht erst entstehen.“

Wenn die Entschlackungskur gelingt, so die Hoffnung, fließt künftig weniger Geld in Vorhalteleistungen, die kein Mensch braucht – und mehr in moderne Technik und Gebäude. Auf 15 Milliarden Euro schätzt Gesundheitsexperte Augurzky den Investitionsstau in deutschen Kliniken.


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