Teure Energie

Europas Chemie-Industrie befürchtet Wettbewerbsnachteile durch Fracking in den USA

Köln. In den Chemie-Unternehmen Europas wächst die Sorge wegen der Energie- und Rohstoffkosten. Ein Konzernlenker schlägt jetzt Alarm: „Ich prophezeie, dass viele europäische Chemiefirmen innerhalb der nächsten zehn Jahre dichtmachen werden“, warnt Ineos-Chef Jim Ratcliff in einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Die Branche sei auf preiswerte Ressourcen angewiesen, schreibt der oberste Manager des nach BASF und Dow drittgrößten Herstellers weltweit (43 Milliarden Dollar Umsatz, 15.000 Beschäftigte). Unternehmen in den USA seien da enorm im Vorteil. Strom ist dort mit 5 Cent pro Kilowattstunde nur halb so teuer wie in Europa, und Erdgas kostet nur ein Drittel.

Das umstrittene Fracking hat in Amerika einen Boom beim Erdgas ausgelöst und dessen Preis stark fallen lassen. Beim Fracking werden mithilfe von Wasser, Sand und Chemikalien Risse in tiefe Gesteinsschichten gepresst, damit das Gas besser abströmt. Umweltschützer sehen da Risiken, Firmenexperten halten die Technik dagegen für beherrschbar (mehr dazu auf aktiv-online.de/fracking).

Auch Chinesen und Araber bauen im großen Stil die Anlagen für die Grundstoff-Produktion aus

Als Konsequenz dieser Entwicklung bahnen sich jenseits des Atlantiks gigantische Investitionen an. Dazu muss man wissen: Das amerikanische Schiefergas eignet sich gut zum Herstellen des für die Branche wichtigsten Grundstoffs Ethylen – Ausgangsstoff für viele Chemikalien und wichtige Kunststoffe. Umgerechnet rund 50 Milliarden Euro wollen US-Chemiefirmen investieren. Unter anderem wollen bis 2018 gleich zehn Firmen, darunter Dow, Exxon und Shell, Riesenkomplexe für die Ethylen-Produktion bauen („Cracker“).

„Mit diesen neuen Anlagen wird sich die Möglichkeit, diesen Grundstoff in den USA zu produzieren, um die Hälfte erhöhen, auf jährlich 37 Millionen Tonnen“, berichtet Bernhard Kneißel, Experte beim Beratungsunternehmen Stratley in Köln. Zum Vergleich: Europa kann in seinen Crackern maximal 24 Millionen Tonnen herstellen.

Und wird gleich von mehreren Seiten in die Zange genommen. „Auch China und die arabischen Staaten bauen ihre Fertigungskapazitäten gewaltig aus“, sagt Michael D. Smith, Senior Director beim Beratungsunternehmen IHS Chemical in Düsseldorf.

Zwar gibt es auch mehr Abnehmer: Die weltweite Nachfrage nach Ethylen und dem Kunststoff Polyethylen wächst im Schnitt um 4 Prozent pro Jahr. Dennoch müssen sich die europäischen Hersteller warm anziehen. „Einzelne Standorte werden in die Knie gehen“, sagt Stratley-Experte Kneißel. Und mit ihnen Lieferfirmen wichtiger Zusatzstoffe. Das bedrohe die Wertschöpfungsketten einer Branche, die europaweit noch über einer Million Menschen Arbeit gibt.

Während in den USA Chemieanlagen, Aluminium- und Eisenhütten entstehen, fließt hierzulande immer weniger in die Erneuerung energieintensiver Produktionen – ein „schleichender Auszehrungsprozess“, warnt BASF-Chef Kurt Bock. Der Chemieriese aus Ludwigshafen baute übrigens den letzten Cracker in Europa. Das war vor 20 Jahren.


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