Klimahandel

Es wird ernst!


In elf Monaten schaltet die EU den Klimaschutz scharf

Wuppertal. Für die kleine Kalk-Brennerei mit ihren 100 Mitarbeitern ist es ein Riesen-Kraftakt. Einen kompletten Jahresumsatz, 24 Millionen Euro, stecken die Unternehmer Moritz und Jörg H. Iseke in zwei supereffiziente Gasöfen für ihr Unternehmen H. Oetelshofen in Wuppertal. Die beiden 30-Meter-Kolosse sollen den Betrieb fit machen für den verschärften Klimaschutz der EU.

„Die Öfen haben einen Wirkungsgrad von 90 Prozent, doppelt so viel wie ein modernes Braunkohle-Kraftwerk“, berichtet Moritz Iseke. „Damit sind wir weltweit Vorbild in der Branche.“

Der Ehrgeiz der Iseke-Brüder hat einen Anlass: Am 1. Januar 2013 startet die dritte Stufe des 2005 angelaufenen EU-Handels mit „Emissionsrechten“ – Zertifikaten, die Betrieben das Recht geben, Kohle, Öl oder Erdgas zu verfeuern und dabei Kohlendioxid (CO2) auszustoßen. CO2 gilt als ursächlich für die Erderwärmung.

Europa marschiert unbeirrt vorweg

Stufe eins und zwei waren relativ harmlos, jetzt wird das System scharf geschaltet: Die EU wird die Zertifikate von Jahr zu Jahr verknappen – und nicht mehr kostenlos zuteilen, sondern großenteils versteigern. Das Ziel ist ehrenwert: CO2 soll dort vermieden werden, wo der Betrieb am wenigsten dafür zahlt, wo also am wenigsten Wertschöpfung dahinter steht.

Auch wenn das Ringen um einen weltweiten Klimaschutz vorerst gescheitert ist: Europa marschiert weiter vorweg, mit dem Rechte-Handel als Taktgeber. Für 2013 sieht der EU-Plan 2,18 Milliarden Zertifikate vor, der größere Teil wird versteigert. Bis 2020 soll der Klimagas-Ausstoß so um 21 Prozent unter das Niveau von 2005 gedrückt werden.

Nach den Worten der Politiker geht das schmerzfrei. Sie reden nicht von möglichen Job-Verlusten, etwa in der Wuppertaler Kalk-Brennerei. Sondern davon, dass das neue System klimaschonende Investitionen auslöse. Dass die technischen Möglichkeiten dazu vielerorts längst ausgereizt sind, sagen sie nicht. Und sie verschweigen auch die Brutalität des Systems: „Ob unser Investitionsprojekt voll aufgeht, wissen wir nicht“, sagt der Unternehmer Jörg H. Iseke. „Das wird eine Fahrt ins Blaue.“

Schon wird über Korrekturen diskutiert

Denn über den Klimahandel werden die Betriebe zum Spielball der Politik. Dieser Tage geht es damit schon los: Weil die Emissionsrechte aufgrund von Sondereffekten aktuell recht billig gehandelt werden (siehe Kasten links), wird plötzlich über drastische Korrekturen diskutiert.

„Bei Kosten um die 7 Euro je Zertifikat tut man nichts für den Klimaschutz, nötig wären 30 Euro“, befindet etwa Tina Löffelsend, Klima-Referentin beim Umweltschutzverband BUND in Berlin.

Und der vom SPD-Politiker Jo Leinen geführte Umweltausschuss des EU-Parlaments forderte kürzlich, zwei Drittel der für 2013 geplanten Zertifikate zu sperren und womöglich den Zeitplan für die Verknappung zu straffen. Auch wenn in der Politik viel gefordert wird: Schon die Diskussion ist Gift für Unternehmer wie die Isekes – die Kunden, Geldgeber und Belegschaft davon überzeugen müssen, dass sich ihre Investitionen auch amortisieren.

Schon den bestehenden Plan sieht man in den energieintensiven Branchen mit zunehmender Sorge. 830.000 Beschäftigte arbeiten in der Herstellung von Chemie-Rohstoffen, Stahl, Metallen, Baustoffen, Glas und Papier. Jahresumsatz: 310 Milliarden Euro.

„Das wird uns noch zu schaffen machen“

„Spätestens 2014 sind etwaige Überhänge ungenutzter Zertifikate in den Betrieben aufgebraucht, und es entsteht eine erhebliche Mangelsituation“, erwartet Jörg Rothermel, Klimaschutz-Experte beim Verband der Chemischen Industrie in Frankfurt. „Dann dürften die Preise rasch auf 30 Euro und mehr steigen.“ Und Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf, bestätigt: „Das System wird uns auch so zu schaffen machen.“

Zwar sollen Betriebe auch 2013 noch Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommen, die sich an einer von der EU vorgegebenen Effizienz-Marke orientieren. Doch die sei etwa bei der Roheisen-Produktion „technisch-physikalisch nicht erreichbar“, urteilt Kerkhoff. Zudem werde die so berechnete Zuteilung noch um einen „Korrekturfaktor“ gekürzt, damit die Zahl der Zertifikate genau nach EU-Plan sinkt. Kerkhoff: „Dass sich die Effizienz der Anlagen nicht im gleichen Maß verbessern lässt, spielt in Brüssel keine Rolle.“

Kraftwerke müssen ihre Rechte bereits 2013 vollständig ersteigern – die Einnahmen sind im Staatshaushalt schon verplant. Das wird Strom deutlich teurer machen. Überdies sind die Airlines, die seit 2012 mit im System sind, stark unterversorgt: Sie treiben 2013 mit Zukäufen den Preis.

Moritz und Jörg H. Iseke hoffen, dass da nicht noch unerwartete Zusatzkosten kommen. „Wir können bei unseren Margen dann nur noch die Produktion drosseln.“ Eine ungewisse Zukunft. Trotz des Kraftakts.

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