Krankenversicherung

„Es geht um Marktmacht“


Eine Fusion jagt die nächste – warum? Und was bringt uns das?

Wuppertal. Gut 8,6 Millionen Versicherte, 20.000 Mitarbeiter: Mit der Fusion der Barmer und Gmünder Ersatzkassen entsteht jetzt Deutschlands größte Krankenkasse. Und auch bei der Konkurrenz ist das Fusionsfieber ausgebrochen. Aber was haben wir davon? Darüber sprach AKTIV mit Johannes Vöcking. Der ehemalige Spitzenbeamte ist seit 2006 Chef der Barmer.

AKTIV: Jeder achte Bürger ist künftig bei Ihnen versichert – aber Sie wollen mehr, streben 20 Prozent Marktanteil an. Warum?

Vöcking: Es geht schlichtweg um Marktgestaltungsmacht. Wir wollen in einer starken Position sein, um im Interesse der Versicherten selektive Verträge, zum Beispiel mit Fachärzten oder der PharmaBranche, abschließen zu können.

AKTIV: Ähnlich wie ein großer Auto-Hersteller, der von den Zulieferern mehr Qualität oder günstigere Preise fordern kann ...

Vöcking: Genau. Und eine gewisse Größe des Kunden ist ja auch für die Lieferanten interessant.

AKTIV: Können Sie Ihre Markt­macht schon ausreichend nutzen?

Vöcking: Die Gesundheitsreformen haben in den letzten Jahren eine gewisse Liberalisierung gebracht: Ansätze für mehr Wettbewerb und flexiblere Verträge. Aber das kann noch deutlich verbessert werden.

AKTIV: Wird es dann billiger für uns? Oder kann der Beitragssatz wenigstens stabil bleiben?

Vöcking: Nein. In unserer alternden Gesellschaft steigt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, zudem muss auch der medizinische Fortschritt bezahlt werden. Bleibt alles beim Alten, sind Zusatzbeiträge nicht ausgeschlossen.

AKTIV: Wieso?

Vöcking: Nach der heutigen Konstruktion müssen zunächst Zusatzbeiträge allein von den Versicherten erhoben werden, bevor dann die Politik den allgemeinen Beitragssatz erhöht – was in etwa zwei Jahren geschehen könnte.

AKTIV: Kommt Ihre mächtige Riesenkasse im kommenden Jahr denn ohne Zusatzbeitrag aus?

Vöcking: Da wage ich noch keine Prognose. Zum 1. Januar 2010 wird es jedenfalls keinen Zusatzbeitrag geben.

AKTIV: Auch die Konkurrenz fusioniert, die Zahl der Kassen ist schon auf rund 180 gesunken. Wie viele braucht das Land?

Vöcking: Nötig ist gesunder Wettbewerb mit großen Einheiten. 30 bis 50 Kassen werden überleben – mehr braucht man nicht.

AKTIV: Das spart auf Dauer wohl Verwaltungskosten ... Fusionieren Sie jetzt etwa auch, um dann Leute zu ent­lassen?

Vöcking: Auf keinen Fall. Unsere beiden Kassen haben schlanke Strukturen mit etwa 5 Prozent Verwaltungskosten. 95 Prozent des Geldes gehen in die Leistungen – da spielt die Musik! 

AKTIV: Einheitlicher Beitragssatz, weitgehend gesetzlich vorgegebene Leistungen – wie wollen Sie sich da von den anderen Kassen abheben?

Vöcking: Etwa durch Angebote im Bereich der Naturheilmedizin. Und durch modernes Versorgungsmanagement: Wir wollen Gesundheit gestalten statt Krankheit verwalten. Künftig geht es zum Beispiel vermehrt um Prävention – und um gute Betreuung der Einzelfälle. Man sollte daher auch die Ärzte auf Dauer nicht mehr nach der technischen Leistung vergüten, sondern nach dem tatsächlichen Heilerfolg.

Was Sie tun können, wenn Ihre Krankenkasse einen Zusatzbeitrag fordert, lesen Sie hier.

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