Tarifrunde Chemie

Es geht um Geld und Arbeitszeit


Die Altersstruktur der Deutschen ändert sich – in den Betrieben muss ein Mentalitätswandel folgen

Wiesbaden. In der diesjährigen Tarifrunde wird es brisant: Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) will mit der Gewerkschaft nicht nur über Löhne reden, sondern auch über längere und flexiblere Arbeitszeiten. Die Verhandlungen starten am 17. April in Hessen.

AKTIV beleuchtet die Hintergründe der Tarifrunde 2012.

Stichwort Geld

Mit einer Forderung nach 6 Prozent mehr Lohn geht die Industrie-Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in die Verhandlungen: „Viele Chemie-Betriebe strotzen vor Kraft“, sagt der Vorsitzende Michael Vassiliadis. „Die Aussichten für 2012 sind gut“, bekräftigt Peter Hausmann, Verhandlungsführer der Gewerkschaft: „Der ifo-Geschäftsklima-Index ist im Januar zum dritten Mal in Folge gestiegen.“

Tatsächlich kletterte dieser Voraussagewert für die Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe von 107,3 Indexpunkten im Dezember 2011 auf 108,3 Punkte im Januar 2012. Im längerfristigen Vergleich haben sich die Aussichten jedoch verschlechtert: Im Januar letzten Jahres stand der Index noch bei 114.

Realismus als Richtschnur

Die Arbeitgeber mahnen daher „Realismus“ an: „Natürlich haben wir ein erfolgreiches Jahr 2011 im Rücken“, so Hans-Carsten Hansen. Der Verhandlungsführer des BAVC hat jedoch die konjunkturelle Abschwächung, die Unsicherheit durch die Schuldenkrise und die großen Schwankungen an den Märkten im Blick: „Für 2012 rechnen wir in der Chemie nur noch mit einem Umsatzwachstum von rund 1 Prozent, nach knapp 8 Prozent im Vorjahr.“ Damals wurden die Tariflöhne um 4,1 Prozent für 15 Monate erhöht – mit dem deutschlandweit höchsten Abschluss aller Branchen. „Jetzt brauchen wir ein Ergebnis, das der wirtschaftlichen Realität von 2012 entspricht“, stellt BAVC-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Goos klar.

Schon jetzt befinden sich die Löhne im europäischen Vergleich sehr weit oben. Die Chemie-Arbeitsstunde kostet 45 Euro. In Westdeutschland sogar 46,49 Euro – teurer ist sie nur noch in Belgien. Gewerkschafter Vassiliadis kontert: „Pessimismus ist nicht angebracht.“ Die Hochleistungsindustrie feiere Exporterfolge. Die Unsicherheiten auf dem Bankensektor und an den Börsen seien aus seiner Sicht kein Thema für die Tarifpolitik.

Hat die dramatische Entwicklung in den EU-Schuldenstaaten tatsächlich keine Konsequenzen für die Betriebe in Deutschland? „Die Krise in der Euro-Zone ist in eine gefährliche neue Phase getreten“, warnt der Internationale Währungsfonds, der unter dem Dach der Uno die globalen Finanzströme überwacht. Die Folge: „Trübere Aussichten für das globale Wachstum und sprunghaft gestiegene Risiken.“

Der Chef der „Fünf Wirtschaftsweisen“ im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Professor Wolfgang Franz, dämpft zu hohe Erwartungen der Arbeitnehmer. „Forderung ist nicht gleich Abschluss. Die Tarifpartner müssen berücksichtigen, dass eine merkliche Konjunktur-Abschwächung stattfindet.“ Die deutsche Wirtschaft werde im Jahr 2012 sogar nur „in einer Größenordnung von 0,5 Prozent“ wachsen.

Stichwort Arbeitszeit

Neben der Frage der Entlohnung gibt es einen weiteren entscheidenden Knackpunkt in dieser Tarifrunde. „Wir müssen länger arbeiten, und wir müssen flexibler arbeiten“, fordert Arbeitgeber-Verhandlungsführer Hans-Carsten Hansen mit Blick auf den demografischen Wandel in Deutschland.

Den BAVC treibt angesichts des knappen Nachwuchses und der immer älter werdenden Belegschaften die Sorge um: Wie schafft man es, bei einer sinkenden Zahl verfügbarer Arbeitskräfte den Bedarf in den Betrieben abzudecken? „Wir müssen die Potenziale derer besser nutzen, die bereits in den Unternehmen sind“, sagt Hansen. „Wir brauchen die guten Leute im Werk, nicht zu Hause.“

„Eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche wird es mit der IG BCE nicht geben!“, hält Gewerkschafter Hausmann dagegen. Doch den Arbeitgebern geht es nicht um eine pauschale Verlängerung der Wochenarbeitszeit: „Wir wollen stärker zur sogenannten lebensphasenorientierten Arbeitszeit kommen“, erklärt Hansen. Dieses Konzept könne nur aufgehen, wenn Phasen mit kürzerer Arbeitszeit – etwa für Kinder und pflegebedürftige Angehörige – andere Phasen mit längerer Arbeitszeit gegenüberstehen.

Möglichst lange im Betrieb bleiben

Fakt ist: Die Altersschichtung in den Belegschaften hat sich stark verändert. Laut Statistik ist der Anteil der über 50-jährigen Beschäftigten in der Chemie in den vergangenen Jahren von etwas über 20 Prozent auf fast 30 Prozent gestiegen. Dieser Trend wird sich verstärken.

Das Positive daran: Wir sind länger fit. Doch nun stehen Altersfreizeit und Verdienstsicherung auf dem Prüfstand. „Wir müssen den Mentalitätswandel jetzt forcieren, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze langfristig zu sichern“, unterstreicht Hansen.

In den letzten 50 Jahren ist unsere Lebenserwartung um 11 Jahre gestiegen, auch nach dem 55. Geburtstag sind wir noch leistungsfähig. Hansen: „Es geht künftig nicht mehr darum, möglichst frühzeitig auszuscheiden, sondern möglichst lange leistungsfähig im Betrieb zu bleiben.“ Frühverrentung sei ein „Modell von gestern“.

Nun werden traditionelle Regelungen kritisch durchleuchtet, etwa die Altersfreizeit. Durch sie wird die Wochenarbeitszeit für Schichtarbeiter ab 55 Jahren um 3,5 Stunden reduziert, für alle anderen ab 57 Jahren um 2,5 Stunden. Kritisch sehen die Arbeitgeber außerdem die Verdienstsicherung ab 50. Danach bekommen Mitarbeiter den zuletzt gezahlten Lohn, auch wenn das Entgelt auf dem aktuellen Posten eigentlich niedriger wäre.

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