Tariflöhne

„Es geht um die Kosten 2009“


Bertram Brossardt: „Auf Betriebsebene spürt man, ob es der Firma gut oder schlecht geht.“ Foto: Bodmer

Die Konjunktur-Prognose hat Folgen für die nächste Tarifrunde

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen M+E-Arbeitgeberverbände, stellt trotz der eingetrübten Lage eine Entgelt-Erhöhung in Aussicht.

AKTIV: Herr Brossardt, steht unseren Betrieben nur eine Phase mit schwächerem Geschäft bevor, wie sie im Auf und Ab der Konjunktur üblich ist? Oder müssen sich die Belegschaften grundsätzlich Sorgen um die Zukunft machen?

Brossardt: Ich denke, sie können mit Optimismus in die Zukunft blicken. Die Metall- und Elektro-Industrie in Bayern hat seit 2005 rund 50.000 zusätzliche Stamm-Arbeitsplätze eingerichtet. Es gab viele, die das nicht mehr für möglich gehalten haben. Und dieser Stellenzuwachs war keineswegs nur Folge des üblichen Auf und Ab der Konjunktur.

AKTIV: Sondern?

Brossardt: Unsere Industrie ist im globalen Wettbewerb besser aufgestellt als früher. Das Problem der überbordenden, nicht mehr finanzierbaren Arbeitskosten, das in den 90er-Jahren tatsächlich die Existenzfrage aufwarf, hat sich relativiert. Zum Teil, weil einfache Fertigung ins Ausland verlagert wurde. Aber auch dank einer insgesamt maßvollen Tarifpolitik.

AKTIV: Im Herbst steht eine neue Tarifrunde an. Die Erwartung vieler Mitarbeiter ist hoch, schließlich wird alles teurer. 

Brossardt: Es wird eine Entgelt-Erhöhung geben, das ist ganz klar. Aber anders als beim letzten Tarifabschluss im Frühjahr 2007, als die Konjunktur noch in Schwung war und wir auf ein relativ gutes Jahr 2008 zusteuerten, werden wir mit der allgemeinen Entgelt-Erhöhung diesmal nicht die volle Inflation ausgleichen können. Jenen Teil der Teuerung, der sich aus den höheren Energiekosten erklärt, können die Betriebe hier nicht abbilden. Denn mit diesen hohen Preisen haben sie selber enorm zu kämpfen.

AKTIV: Aber wenn das Geschäft brummt und der Betrieb gut verdient? Ist dann nicht mehr drin?

Brossardt: Es ist unmöglich, Entgelte so festzusetzen, dass sie für  jeden einzelnen Betrieb genau passen. Im Flächentarifvertrag können wir nur die Konjunktur abbilden – und da wir jetzt eindeutig in ein schlechteres Jahr hineingehen, kann dieser Anteil nicht so groß sein wie beim letzten Tarifabschluss. Es geht ja jetzt um die Arbeitskosten im Jahr 2009. Aber die zweite Frage ist, wie man den Erfolg eines einzelnen Unternehmens abbildet.

AKTIV: Beim letzten Mal einigte man sich erstmals auf eine gewisse betriebliche Differenzierung. Betriebe, denen es nicht so gut ging, durften die im Juni 2008 fällige zweite Stufe des Entgelt-Pakets um bis zu vier Monate verschieben.

Brossardt: Das war ein erheblicher Schritt in die Richtung, den Flächentarifvertrag flexibler zu machen. Man muss es würdigen, dass sich die IG Metall darauf eingelassen hat. Es hat sich gezeigt, dass die Arbeitnehmer nicht schlecht damit fahren. 80 Prozent unserer Betriebe haben von der Option keinen Gebrauch gemacht – und nach meinem Eindruck haben dort, wo es anders lief, die Betriebsräte und die Mitarbeiter sehr genau die Gründe verstanden. Auf Betriebsebene spürt man, ob es der Firma gut oder schlecht geht.

AKTIV: So etwas sollte man also für 2009 erneut vereinbaren?

Brossardt: Ich wäre sehr dafür, das weiter auszubauen. Wir brauchen einen Tarifabschluss mit einer realistischen Konjunktur-Komponente, die dem eingetrübten Umfeld für 2009 Rechnung trägt. Darüber hinaus brauchen wir eine Komponente, die die unterschiedliche Lage in den einzelnen Betrieben berücksichtigt.

AKTIV: Aber in den Betrieben, die sich kein Extra leisten können, läge die Entgelt-Erhöhung dann eben unterhalb der Inflationsrate.

Brossardt: Ich kann verstehen, dass man da nicht begeistert ist. Schließlich muss jeder zur Tankstelle und die Wohnung heizen. Aber verantwortlich für mehr Netto im Geldbeutel der Arbeitnehmer ist in der derzeitigen Lage ausschließlich der Staat.

AKTIV: Wieso?

Brossardt: Er kassierte vor zwei Jahren 488 Milliarden Euro Steuern, dieses Jahr sind es laut amtlicher Steuerschätzung 554 Milliarden, in vier Jahren 645 Milliarden! Sogar die zusätzliche Mehrwertsteuer infolge der höheren Energiepreise steckt er sich ungeniert ein. Wenn manche Politiker behaupten, sie hätten immer noch keinen Spielraum für sofortige Entlastung, ist das unverständlich.   

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