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Erste Hilfe für die Klinik-Kasse


Wie ein Krankenhaus mit cleveren Ideen die ständig steigenden Kosten bekämpft

Gummersbach. Sein Skalpell ist der Taschenrechner. Sein OP ist ein Büro mit hellen Holzmöbeln. Hier ringt Joachim Finklenburg um das Wohlergehen eines Krankenhauses. Der Geschäftsführer hat seiner Klinik eine Therapie verordnet: „Weil die öffentlichen Zuwendungen zum Überleben nicht reichen, müssen wir Überschüsse erwirtschaften.“

Das kommunale „Klinikum Oberberg“ in Gummersbach,  Nordrhein-Westfalen: An vier Standorten sind insgesamt 2.500 Leute beschäftigt. Gegen die akute Finanznot gehen Finklenburg und seine Mitarbeiter mit cleveren Geschäftsideen vor – eine Art Erste Hilfe für die Klinik-Kasse. Weil Jammern kein Allheilmittel ist.

Kochen für das Finanzamt

Finklenburg erklärt, was allen 2.083 Hospitälern in Deutschland zu schaffen macht: „Die Preissteigerung für Krankenhäuser wird nächstes Jahr 3 bis 4 Prozent betragen – doch laut Gesetz dürfen wir nur 0,9 Prozent mehr für jeden Patienten abrechnen.“

Während der Manager über Kalkulationen brütet, sieht sich Chefarzt Walter Schäfer in der Unfallchirurgie Röntgenbilder an: eine Meniskus-Operation. „Solche leichteren Fälle werden vorwiegend ambulant operiert“, berichtet der Mediziner. So spart die Krankenkasse rund 1.500 Euro pro Eingriff – Geld, das in der Klinik-Bilanz fehlt.

Um dennoch gut ausgelastet zu sein, gehen die Gummersbacher einen Weg, den auch andere Häuser einschlagen. „Wir haben Arztpraxen in der Umgebung aufgekauft“, berichtet Schäfer. Die ehemals selbstständigen Mediziner arbeiten darin oft als Angestellte weiter – die Klinik trägt das wirtschaftliche Risiko, kassiert aber auch den Gewinn. Und die Praxen überweisen Patienten ans Klinikum.

Zusätzliche Einnahmen bringen auch der Reinigungsbetrieb, die Wäscherei und die Küche: Sie versorgen als Tochtergesellschaften nicht nur das Krankenhaus. „Wir reinigen Schulen. Wir bekochen Kindergärten, die Kreisverwaltung und das Finanzamt“, sagt Geschäftsführer Finklenburg. Das bringt 1 Million Euro Umsatz im Jahr ein. Die 300 Mitarbeiter dieser Töchter werden nach den Tarifen für Reinigungs-, Wäscherei- oder Küchenpersonal bezahlt und nicht nach dem des öffentlichen Dienstes. Ersparnis: rund 3 Millionen Euro.

Roboter sortiert Arzneimittel

Weiter geht’s – hin zur Aufnahmestation. Volkmar Engelbert, der gerade im blauen Pfleger-Kittel über den Flur eilt, steuert die Betreuung der Patienten von Aufnahme- und Intensivstation. „Vor allem bei Verbandsmittel und anderem Einwegmaterial checken wir hier, welcher Lieferant am günstigsten ist“, sagt Engelbert. „Da kann man pro Artikel ein paar Tausend Euro im Jahr sparen.“

Patient Joachim Schmidt bekommt von all den Zahlenspielen nichts mit. Der 73-Jährige findet Ärzte und Pflegepersonal „so richtig nett“, wie er mit rheinischem Singsang in der Stimme versichert. Das gilt auch für Schwester Renate, die nachsieht, ob ihr Schützling seine Medikamente einnimmt.

Portioniert und verpackt aber werden die von einem Automaten. Der heißt „Baxter“, steht in der zentralen Apotheke und lässt  250 Kassetten mit Arzneimitteln rotieren. Klinik-Apotheker Harald Homa: „Wir haben hier nur Einzelwirkstoffe,  Kombi-Präparate gibt es nicht.“ Weniger Produkte ­vorrätig halten – das spart Geld.

Patient für Patient arbeitet der Roboter die Bestellungen ab. Er lässt die Tabletten aus den Fächern in Beutel rollen. Zuschweißen. Namen auf­drucken. Fertig. Vor der Auslieferung kontrolliert der Apotheker die Zusammen­stellung.

Maschinen statt Menschen – das geht nur da, wo die Patienten nicht hinkommen. Auch am Bekleidungsautomaten. Alle – ob Chefarzt oder Pfleger – fordern Kittel und Hose per Chip an. Aus einem Fach, das an einen riesigen Geldautomaten erinnert, entnehmen sie die Kleidung.

„Wir sind in den schwarzen Zahlen“

Bei 70 Prozent Personalkosten bringt Rationalisierung die größte Entlastung. Finklenburg: „Wir sind in den schwarzen Zahlen und in­vestieren, in Ab­sprache mit un­seren Ärzten, in moderne Medizintechnik.“ Er selbst wird mit Taschenrechner weiter für seine Klinik kämpfen. „Denn niemand weiß, was 2012 auf uns zukommt.“ 

Info: 1,1 Millionen Beschäftigte

Die 2.083 Krankenhäuser haben 2009 rund 18 Millionen Patienten versorgt. Sie stellen eine halbe Million Betten zur Verfügung, beschäftigen 1,1 Millionen Mitarbeiter und erreichen einen Jahresumsatz von 66 Milliarden Euro, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Rund 400 Kliniken seien von Insolvenz bedroht. Deshalb werden Schließungen befürchtet. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Krankenhäuser um 180 geschrumpft.

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