Innovation

Ersatz für die Sehkraft


Wie Technik Blinden im Alltag und im Beruf das Leben erleichtert

Versuchen Sie einmal eine Nummer in Ihr Handy einzutippen ohne hinzuschauen. Nicht einfach – stimmt’s? Die Tasten der meisten Geräte sind sehr klein und liegen ganz nah beieinander. Für Blinde eine hohe Hürde. Zum Glück gibt es Mobiltelefone mit größeren und einzeln spürbaren Knöpfchen zum Drücken. Und Software, die das Handy zum Sprechen bringt.

Ludwig Becker ist Fachmann dafür. Er installiert solche Programme für Blinde: SMS und E-Mails werden vorgelesen – auch die Zahlen und Buchstaben beim Eintippen. „Das funktioniert sehr gut“, sagt der Mann, der selbst auch nicht sehen kann.

Ungefähr 145.000 Blinde und eine Million Sehbehinderte gibt es in Deutschland. Technik wie die Spezial-Software für Handys hilft ihnen, den Alltag besser zu bewältigen: Das beginnt bei Uhren mit tastbarem Zifferblatt und reicht bis zu Zusatzgeräten für Computer.

Unternehmer Becker im Pfälzer Ort Gleiszellen stattet Büroarbeitsplätze von Blinden mit Technik aus: „Dazu gehören zum Beispiel PCs mit Sprachausgabe und Scanner“, berichtet der gelernte Programmierer.

Wichtiges Hilfsmittel für das Arbeiten am Computer ist die sogenannte Braille-Zeile. Sie überträgt Texte – zum Beispiel aus dem Internet – in die nach dem Erfinder Louis Braille bezeichnete Blindenschrift. Ein bis fünf hervorgehobene Punkte in unterschiedlichen Kombinationen: Das ist das ABC. Auf der Braille-Zeile, einem flachen Gerät, ersetzt das Ertasten mit den Fingerkuppen das Lesen.

Marktführer mit 140 Mitarbeitern

Scanner mit Braille-Zeile sind auch im Produktprogramm der Baum Retec AG in Wiesenbach bei Heidelberg. Die Baum-Gruppe bezeichnet sich auf dem Gebiet „Produkte und Dienstleistungen für Blinde und Sehbehinderte“ als größter Unternehmensverbund in Deutschland. Dabei beschäftigt das Familienunternehmen gerade einmal 140 Mitarbeiter.

Wie bei einem Kopierer werden bei dem Blinden-Scanner zum Beispiel Buchseiten  auf eine Glasplatte gelegt. Entweder kann man dann auf der Braille-Zeile die Texte lesen oder sich via Sprachausgabe vortragen lassen.

„Die Technik ist mittlerweile so weit, dass die Sätze flüssig klingen, wenn auch nicht ganz so melodisch wie eine menschliche Stimme“, sagt Adam Siwy von der Marketing-Abteilung des Unternehmens. „Vor fünf, sechs Jahren hörte sich das aber noch ganz blechern an.“ Die Geräte haben eine männliche und eine weibliche  Stimme zur Auswahl. Rund 2.000 Euro kostet ein solcher Scanner.

In dem vergleichsweise kleinen Markt der elektronischen Blinden-Hilfsmittel tummeln sich vor allem Mini-Anbieter wie die Vistac GmbH in Teltow südlich von Berlin. Vier Mitarbeiter sind für den Elektronik-Entwickler tätig – einschließlich der beiden Geschäftsführer.

Für Blinde erfand Vistac einen sogenannten Laser-Langstock. „Das Arbeiten mit Laser, um Distanzen zu messen, hat uns auf die Idee gebracht“, erzählt die Geschäftsführerin Maria Ritz.

Langstock wird der weiße, dünne Stab genannt, mit  denen Blinde beim Gehen Hindernisse ertasten können. Vistac entwickelte ein elektronisches Gerät, das im Griff des Stocks eingebaut wird. Es sendet einen fächerartig geweiteten Laserstrahl nach vorn und erkennt somit Hindernisse in Brust- und Kopfhöhe. Zur Warnung fängt der Griff dann an zu vibrieren.

Viele Kunden sind zögerlich

Seit 2002 bietet Vistac das etwa 2.000 Euro teure Gerät an. „Verkauft haben wir erst 250 bis 300 Stück“, berichtet Ritz. „Das ist eben eine Marktnische und eher ein Hobby von uns.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es auf dem Produktmarkt für Blinde lange dauert, bis sich Neues durchsetzt. „Viele warten erst einmal ab.“

Das tut auch der blinde Unternehmer Ludwig Becker. „Mit dem Langstock bin ich ohnehin selten unterwegs“, erzählt er. „Meistens lasse ich mich von meiner Frau führen.“ Sie ist übrigens auch sein einziger Mitarbeiter.

Joachim Herr

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