Standpunkt

Enthüllung ohne Kern


Wie das Kartellamt sich kürzlich größer machte, als es ist

Die lobende Erwähnung in „Bild“ und „Bild am Sonntag“ ist nicht nur für Sangessternchen aus dem Raab- oder Bohlen-Stall der höchste Lohn ihrer Selbstdarstellungsplackerei. Nicht nur für den Staatsanwalt als Verfolger von Kachelmann oder anderen Prominenten, nicht nur für diverse Spitzenpolitiker. Auf den Geschmack gekommen ist auch eine sonst eher solide Behörde: das Bundeskartellamt.

Und so durfte denn „Bild am Sonntag“ kürzlich vorab vermelden, vier Tage vor dem Abschlussbericht über dreijährige ergebnislose Ermittlungen gegen die Mineralölkonzerne: „Kartellamt enthüllt den Skandal an der Tankstelle“.

War er das? Der ganz große Coup, der endlich für jedermann die Bedeutung dieser Kontrollstelle klar macht? Mit ihrer Einrichtung 1958 war der Sozialen Marktwirtschaft ein Grundpfeiler eingezogen worden: Sechs Jahrzehnte nach den USA (wo nur nach hiesigem Weltbild der „Raubtierkapitalismus“ ohne Leine läuft) hatte auch Deutschland erkannt, dass der Markt einen Schutz vor unternehmerischen Kungeleien braucht.

Gegen Kartelle und Absprachen vorzugehen, die den Wettbewerb verzerren – das ist natürlich ein Medienthema. Doch die Sache hat einen Haken: Manches sieht nur so aus wie verbotene Absprachen. Mitunter bringt der Wettbewerb von sich aus ein ähnliches Ergebnis.

Denn es gibt Märkte, auf denen wenige Anbieter die gesamte Nachfrage bedienen – mit praktisch demselben Massengut, bei praktisch gleichen Gestehungskosten. Ein neuer Wettbewerber würde auf absehbare Zeit nur Geld verbrennen, wenn er mit erheblichem Kapitalaufwand neu in den Markt eintritt und diesen durch Preisunterbietung aufmischt. Entsprechend tut auch jeder der unter sich bleibenden Platzhirsche gut daran, nicht zu versuchen, den Mitbewerbern über den Preis Marktanteile abjagen zu wollen. Er würde alsbald gerade so dastehen wie der tolldreiste Außenseiter.

Was laut „Bild am Sonntag“ das Kartellamt „enthüllt“ hat, war bis in alle Einzelheiten längst bekannt und bei entsprechender Aufmerksamkeit auch Käseblattlesern geläufig: Den Spritmarkt dominieren eine Handvoll große Anbieter, und wenn einer den Preis ändert, ziehen die anderen nach. Das war’s. Das Amt kann da nichts tun. Für verbraucherdienliche Ordnung des Benzinmarktes sorgen eher, aber halt nur in bescheidenem Umfang, die freien Tankstellen.

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