Leitartikel

Energiewende außer Rand und Band

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe

Da flattert uns aber eine dolle Zahl auf den Tisch! 23 Milliarden Kilowattstunden Strom hat Deutschland 2012 mehr aus- als eingeführt. So viel wie noch nie, und das im Jahr eins nach Fukushima und dem schockbedingten Abschalten von 8 der 17 Atomkraftwerke.

Eine Erfolgsstory? Wohl kaum. Unsere Nachbarn sind erzürnt. Sie organisieren den Widerstand – wortwörtlich. Mit Phasenschiebertransformatoren an der Grenze zu Brandenburg und Sachsen soll sich zum Beispiel Polen gegen den deutschen Stromüberschuss abschotten können. Das haben kürzlich die zuständigen Netzbetreiber vereinbart.

Dazu muss man wissen: Zu einem beträchtlichen Teil ist unser Strom-Export keine bestellte Lieferung wie bei Maschinen oder Autos. Man hat sich das eher vorzustellen wie eine spontane Ramsch-Aktion. Wir würden unbrauchbaren Schrott über die Grenze karren und dem Ausland die Lager vollmüllen.

Solcher Schrott-Strom wird oft urplötzlich von Windrädern und Sonnendächern erzeugt: wenn der Himmel aufklart oder eine Brise aufzieht – und so viel Saft gerade keiner braucht. Dann drängt er automatisch auch in ausländische Netze und gefährdet sogar deren Stabilität.

Dieser physikalisch bedingte Export geht oft mit Blitzverkäufen an der Leipziger Strombörse einher. Zu lächerlich niedrigen Preisen: Manchmal zahlt der Verkäufer dabei noch drauf.

Wir brauchen ausreichend innerdeutsche Leitungstrassen, vor allem vom windreichen Norden in den industriereichen Süden. Und genug Energiespeicher – etwa hoch gelegene künstliche Seen. So lange es an beidem fehlt, ist ein weiterer Ausbau des Ökostroms kein Wert an sich.


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Schlagwörter: Energie

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