Nachhaltigkeit

Energie aus der Tiefe


Kraftanlagen München und Siemens liefern Technik für Geothermie

Erding/Unterhaching. Gerhard Grabmeier prüft einige der Leitungen, durch die bald heißes Wasser strömen wird. „Ich dreh hier gern am Rad“, sagt der Betriebsstättenleiter des neuen Geothermie-Heizwerks in Erding bei München. Es nimmt demnächst seinen Betrieb auf: versorgt mit Wasser aus dem Inneren der Erde.

Und es ist das zweite im Ort, Grabmeier hat schon das erste mit aufgebaut. „Klar hängt auch mein Haus am Erdwärme-Netz“, erzählt er. „Dafür bin ich extra nach Erding gezogen.“ Die Energie aus der Tiefe gewinnt immer mehr Nutzer.

Unerschöpflich und umweltfreundlich

Unter anderem im bayerischen Voralpenland gibt es in 1.000 bis 5.000 Meter Tiefe heiße Wassermassen. Sie lassen sich im Rahmen der sogenannten tiefen Geothermie für Nah- und Fernwärme, Bäder, abgekühlt als Trinkwasser und zum Erzeugen von Strom nutzen.

Die Geothermie ist inzwischen ein Wachstumsfeld für die bayerische Metall- und Elektro-Industrie. So verlegte in Erding die Kraftanlagen München GmbH das Netz aus Fernwärme-Leitungen. Und im 48 Kilometer südlicher gelegenen Un­terhaching baut Siemens ein Kraftwerk, das neben Wärme bald auch Strom liefern wird.

Die Geothermie hat als einheimische Energiequelle große Vorteile: Sie ist frei von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) und macht unabhängiger von Öl, Erdgas und Kohle.

Zudem ist sie unerschöpflich: weil das abgekühlte Wasser in einem geschlossenen Kreislauf wieder in die Tiefe gepumpt wird und sich dort neu erwärmt.

Begonnen hat alles im Jahr 1983. In Erding wurde damals nach Erdöl gebohrt – und es fand sich, zum ers­ten Mal in der Region, Thermalwasser, in 2350 Metern Tiefe. Daraus wurde das Prestigeprojekt der 35.000-Einwohner-Stadt: Sechs Jahre später ging das erste Heizwerk mit 32 Megawatt Leistung ans Netz.

Die Rohre müssen einiges aushalten

„Heute wird hier jede zehnte Wohnung  mit reiner Erdwärme beheizt“, sagt Alois Gabauer, Geschäftsleiter des örtlichen „Zweckverbands Geowärme“. Insgesamt installierte die Kraftanlagen     München GmbH 23 Kilometer Leitungen. „Wegen der besonders vielen Mineralien im geothermischen Wasser mussten wir spezielle Rohrmaterialien verwenden“, berichtet Projektleiter Stefan Seitz. „Das war schon eine Herausforderung.“

Private Nutzer benötigen weder Brenner noch große Tanks, wohl aber Spezialleitungen. Und eine Übe­rgabestation,  so  groß  wie  ein Getränkekasten, mit eingebautem Wärmezähler. Den liefert die Nürnberger Firma Landis&Gyr.

Neben Haushalten hängen auch das Kreiskrankenhaus sowie Schulen und Betriebe am Erdwärmenetz. Und die „Therme Erding“: Seit 1999 erholten sich dort mehr als sieben Millionen Besucher. Das Thermalwasser trägt das Gütesiegel „staatlich anerkanntes Heilwasser“. In der umfangreichen Anlage sind mehr als 500 Arbeitsplätze entstanden.

Wenn bald das zweite Heizwerk läuft, können pro Sekunde 48 statt 24 Liter Thermalwasser strömen. Weil es nur 65 Grad heiß ist, müssen die Erdinger bis 85 Grad zuheizen – ihre Heizkosten sind deshalb trotz Geothermie zu einem Drittel vom Erdgas-Preis abhängig. Ab 2011 soll außerdem ein Biomasse-Heizkraftwerk Energie liefern.

„In etwa zehn Jahren werden wir im Vergleich zum herkömmlichen Heizen sieben Millionen Liter Heizöl und 11.000 Tonnen CO2 im Jahr vermeiden“, rechnet Bürgermeister Max Gotz vor.  Das  Gesamtziel  lautet:  ein  Viertel  des Erdinger Wärmebedarfs aus der Erde zu gewinnen.

Die Asiaten werden neugierig

Die Unterhachinger gehen noch weiter: Sie erzeugen aus Erdwärme auch Strom. Seit 2006 tüftelt Hans-Werner Rathje, Elektro-Ingenieur von Siemens, mit seinem Team an einer „Kalina-Anlage“. Sie ist die zweite dieser Art in Europa und wird nach der Testphase in weni­gen Wochen den Regelbetrieb aufnehmen.

Das Thermalwasser gibt Wärme an ein Ammoniak-Wasser-Gemisch ab. Es entsteht Dampf, der eine Turbine antreibt und Strom erzeugt.

Diese Technik stößt auf großes Interesse, vor allem in Asien. Am 19. April kann sich jeder ein Bild von dem Projekt machen: Dann ist in Unterhaching „Tag der offenen Tür“.

Info: Wärme aus dem Erdinneren

Die Nutzung von Erdwärme boomt: Der Bundesverband, die Geothermische Vereinigung, zählt 33 tiefe Geothermie-Projekte in Deutschland.

Laut Bayerischem Wirtschaftsministerium sind sieben Projekte im Freistaat in Betrieb, gebohrt und gebaut wird an elf Stellen. Für insgesamt 95 Geothermie- Felder sind Bohrungen geplant.

Seit Januar gilt das neue „Erneuerbare-Energien-Gesetz“. Geothermische Stromerzeugung als regenerative Energieform wird seitdem mit bis zu 23 Cent statt zuvor 15 Cent je Kilowattstunde gefördert.

Die Wärmegewinnung funktioniert in Erding so: Thermalwasser wird ins Heizwerk gepumpt, durch Wärmetauscher und Absorptionswärmepumpen auf etwa 20 Grad abgekühlt. Die so gewonnene Wärme wird ins Fernwärmenetz eingespeist. Und das Wasser in die Tiefe zurückgeleitet, wo es sich wieder aufheizt.

„Fachleute gesucht“

Was bringt die Nutzung von Erdwärme? Antworten von Rüdiger Schulz, Experte am Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik in Hannover.

AKTIV: Welche Vorteile bietet geothermische Energie?

Schulz: Sie benötigt wenig Platz, ist geräuschlos und so gut wie unsichtbar, weil fast alles unter der Erdoberfläche passiert – bis auf das Heiz- oder Kraftwerk. Sie ist sicher, weil das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf genutzt  wird.  Und  wegen  der Größe des süddeutschen Thermalwasservorkommens ist diese Energiequelle immer verfügbar und unerschöpflich.

AKTIV: Dem Bayerischen Wirtschaftsministerium zufolge sind 75 Megawatt (MW) Wärme-Leis­tung und 3,4 MW elektrische Leis­tung aus Geothermie in Bayern installiert. Was bringt die Zukunft?

Schulz: Bis 2020 rechne ich in Deutschland mit kräftigem Wachstum: 1.000 MW für die Wärme- und 300 MW für die Stromversorgung. Weltweit sind 10.000 MW elektrische Leistung installiert, Tendenz steigend.

AKTIV: Ist da auch deutsche Technik gefragt?

Schulz: Ja, denn Länder wie die Türkei oder Indonesien warten auf deutsche Anlagentechnik in diesem Bereich. Mit den erfolgreichen Projekten der tiefen Geothermie hierzulande lässt sich auch gute Werbung betreiben.

AKTIV: Bringt das neue Jobs?

Schulz: Bohrmannschaften und Verfahrenstechniker werden gesucht, denn es gibt schon heute einen Mangel an Fachleuten. Allein in Deutschland werden in den nächsten Jahren mindestens 4 Milliarden Euro in Geothermie-Projekte investiert werden.

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