Konjunktur

Ende der Talfahrt?


Lichtschimmer am Horizont - aber der Aufstieg kann dauern

Ein ganzes Land atmete auf, als das Wirtschafts­ministerium Anfang Juli neue Zahlen bekannt gab: Plus 4,4 Prozent bei den Aufträgen für die Industrie und ein Plus von 3,7 Prozent bei der Produktion verkündeten seine Fachleute für den Mai 2009 im Ver­gleich zum Vormonat.

Da kam Hoffnung auf ein baldiges Ende der Rezession auf. Zumal andere wichtige Indikatoren für die Wirtschaft schon seit Monaten wieder nach oben zeigen. „Ist die Krise schon vorbei?“, „Kommt der Aufschwung an?“, „Industrie meldet sich zurück“, rauschte es im Blätterwald.

Doch Wirtschaftsexperten dämpfen den aufkeimenden Optimis­mus. Wie etwa Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats: „Die Bo­denbildung haben wir erreicht“, sagt er nüchtern. Andere mahnen: „Realistisch bleiben“, das ist „noch nicht ausgestanden“.

Produktion nur auf Niveau von 2003

Wie ist das nun? Vor allem in der Chemie: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Optimismus oder Pessimismus angesagt? Oder besser Vorsicht?

Zunächst einmal die Fakten. Im ersten Halbjahr ging es für die Branche kräftig bergab: Minus 15,5 Prozent bei der Produktion sowie minus 16,5 Prozent beim Umsatz (auf knapp 70 Milliarden Euro) standen am Ende in den Büchern. Und die Anlagen waren zu weniger als 75 Prozent ausgelastet.

„Die Verhältnisse in der Chemie haben sich so dramatisch verschlechtert wie noch nie in den vergangenen 60 Jahren“, sagt Hans Paul Frey, Hauptgeschäftsführer des Bun­des­arbeitgeberverbands Chemie in Wiesbaden.

„Die Früchte des Aufschwungs der letzten Jahre sind dahin.“ Denn die Unternehmen produzieren heute ein Fünftel bis ein Viertel weniger als im vergangenen Jahr, also in etwa so viel wie 2003.

Und trotzdem: „Die Talsohle ist erreicht“, verkündet Professor Ulrich Lehner, der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Der „Lichtschimmer am Horizont“ sei da. Was ihm Mut macht:

  • Geschäft nimmt zu. Die Mehrzahl der Firmen erwartet für das zweite Halbjahr, dass sich das Geschäft „leicht“ belebt, wenn auch auf „niedrigem und völlig unbefriedigendem Niveau“. Das er­gab eine Trend-Umfrage des Chemie-Verbands bei 50 Firmen. Seit Februar hat sich die Produktion von Grundstoffen „von Monat zu Monat wieder leicht erhöht“, so Lehner.
  • Export macht Hoffnung. In Asien dürfte es mit der Wirtschaft wieder aufwärts ge­hen. Besonders in China wächst die Nachfrage schon.
  • Jobs bisher stabil. Die Betriebe tun alles dafür,  ihre Belegschaften trotz Krise zu halten. Nur um 0,5 Prozent ging die Zahl der Chemie­Beschäftigten zurück. Derzeit sind es rund 440.000 Mitarbeiter. Etwa ein Zehntel davon arbeitet kurz.

„Wir haben uns vorgenommen, die Krise mit möglichst wenig Entlassungen zu überstehen“, erklärt Arbeitgeber-Chef Frey. Die Öffnungsklauseln des Chemietarifs und die Kurzarbeit bieten dazu viele Möglichkeiten.

Grund zur Hoffnung also: Die Talfahrt scheint gestoppt. Doch vor zu viel Optimismus warnen Firmenlenker. Wacker-Chef Rudolf Staudigl etwa mahnt, es sei derzeit „noch nicht klar abzuschätzen“, wie „dauerhaft“ die auf den Absatz beschränkte Erholung sei. Merck-Chef Karl-Ludwig Kley sieht die Welt „weiterhin inmitten einer Wirtschaftskrise“.

Und Kurt Bock, Finanzvorstand bei der BASF sagt: „Ein nachhaltiger Aufschwung ist noch nicht in Sicht.“ Die Ge­fahr „eines schmerzhaften Rückschlags“ bleibe.

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